Translation / Übersetzung
by / von Walter A. Aue



Matthew Arnold:

Dover Beach

The sea is calm to-night,
The tide is full, the moon lies fair
Upon the straits;-on the French coast the light
Gleams and is gone; the cliffs of England stand,
Glimmering and vast, out in the tranquil bay.
Come to the window, sweet is the night air!
Only, from the long line of spray
Where the sea meets the moon-blanch'd land,
Listen! you hear the grating roar
Of pebbles which the waves draw back, and fling,
At their return, up the high strand.
Begin, and cease, and then again begin,
With tremulous cadence slow, and bring
The eternal note of sadness in.

Sophocles long ago
Heard it on the Ægæan, and it brought
Into his mind the turbid ebb and flow
Of human misery; we
Find also in the sound a thought,
Hearing it by this distant northern sea.

The Sea of Faith
Was once, too, at the full, and round earth's shore
Lay like the folds of a bright girdle furl'd.
But now I only hear
Its melancholy, long, withdrawing roar,
Retreating, to the breath
Of the night-wind, down the vast edges drear
And naked shingles of the world.

Ah, love, let us be true
To one another! for the world, which seems
To lie before us like a land of dreams,
So various, so beautiful, so new,
Hath really neither joy, nor love, nor light,
Nor certitude, nor peace, nor help for pain;
And we are here as on a darkling plain
Swept with confused alarms of struggle and flight,
Where ignorant armies clash by night.










Matthew Arnold:

Der Strand von Dover

Die See ist still heut' Nacht.
Die Flut ist voll, der Mond fällt schön
die Meereseng' entlang. An Frankreichs Strand erwacht
ein Licht - und blinkt, vergeht. Die Klippen Englands stehn   (1)
im Schimmer breit in unbewegter Bucht.
Zum Fenster, komm! Sanft ist die Luft der Nacht!
Nur dort, wo in dem langen Schaumstrich sucht
die See das mondgebleichte Land -
Hör zu! - dort tönt das reibende Geräusch
der Kiesel, rückgesaugt von Wellen, die verrinnen
und wiederkehrn, geschleudert an den Strand
beginnen, fliehn und wiederum beginnen:
Im langen Rhythmus, breit und bebend bringen
sie ew'ge Trauertöne in das Land.

Dem Sophokles, vor langer Zeit,   (2)
hat das Ägä'sche Meer geraunt
in seinen Sinn, wie trüb sich Flut an Ebbe reiht
von Menschenweh - auch wir, die wir gelauscht,
erkennen im Geräusche die Idee,
im fernen Norden, hier, an ferner See.

Die See des Glaubens
war einst auch voll, und war dem Erdenrund
ein lichter Gürtel, der die Falten schwellt.
Doch höre ich zu uns'rer Zeit,
nur traurig Dröhnen, das im langen Schwund
zurück sich zieht - dort, wo der Nachtwind fällt
hinab die Klippen, trostlos breit,
und in die nackten Strände dieser Welt.   (3)

Drum laß, mein Lieb, uns beide treu
zusammenstehn - denn dieser Weltenraum,
der aufzutun sich scheint wie Land im Traum,
so vielgestalt, so schön, so neu,
hat wirklich weder Freud, noch Lieb, noch Lichterpracht,
noch Sicherheit, noch Ruh, noch Schmerzerlasz;
und wir stehn hier wie auf dem dunklen Paß,
wo, voll verwirrten Rufs von Flucht und Schlacht,
sich Heere blind bekriegen in der Nacht.   (4)




Nicht, daß es an der Musik des Gedichtes viel änderte. Aber - und nur für den Fall, daß Sie sich Gedanken über bestimmte Phrasen machen - hier sind ein paar Fußnoten:

(1) Die Klippen von Dover sind aus Kalk - ähnlich wie die von Rügen (Servus, Heidi!) - und schimmern daher weiß im Mondlicht. Die Phrase "The white cliffs of Dover" (wie in dem viel späteren Lied aus dem zweiten Weltkrieg) erweckt in Engländern starke Resonanz.

(2) Der Hinweis bezieht sich auf Verse in der "Antigone" von Sophokles, in denen er das Verderben, das die Götter gegen die Häuser schuldig gewordener Menschen schleudern, mit dem Anstürmen der See gegen Strand und Küste vergleicht. Auch in anderen Werken von Sophokles kommen ähnliche Vergleiche mit einem Schicksal vor, das schwer wie die See über die Menschen hereinbricht.

(3) Arnold verwendet das Wort "shingles". Im englischen Leser ruft das Wort Verschiedenes wach: Die direkte Bedeutung, d.h. flachgeschliffene Kiesel in der Brandung und daher am Kieselstrand, und die indirekte, d.h. Dach- und Hausschindeln (von der Gürtelrose ganz zu schweigen). Was täten die Literaturhistoriker, wenn sie sich um solches nicht streiten könnten!

(4) Arnold kannte (wahrscheinlich von seinem Vater, der sich beruflich mit Thucydides beschäftigte) die Schlacht von Epipolae aus dem Peloponnesischen Krieg. Sie fand auf einer hohen, oben flachen Klippe im Mondlicht statt. Die Athener, die kaum sehen konnten und noch dazu von falschen Losungsworten und Alarmrufen verwirrt waren, begannen (soweit sie nicht flüchteten) Freund und Feind gleichermaßen zu schlachten.




Und weil ich schon beim überflüssigen Kommentieren bin: "Dover Beach" ist berühmt, wird oft an Universitäten gelehrt und manchmal als "das erste moderne Gedicht der englischen Sprache" bezeichnet.


Dafür gibt's verschiedene literatur-analytische Gründe. Mit denen habe ich aber nichts zu tun, außer vielleicht (und nicht aus freien Stücken!) mit seiner mannigfachen Interpretierbarkeit. Viele moderne Gedichte der englischen (und nicht nur der englischen) Sprache haben das so an sich. Die Viktorianer haben da gründlich mitgemischt, vielleicht weil sie vieles nicht offen sagen konnten. Oder weil sie einen Reim brauchten. Oder weil sich Geheimnisvolles gut verkauft. Oder - ja, ja, ich versteh' schon, ich bin schon ruhig. Ich soll mich lieber über das Gedicht auslassen. Und, was immer man auch denken mag, das Gedicht ist schön. Stimmt ja.

Ob der Verlust der Unschuld - in der Religion, in der Welt, im Fleische, oder vielleicht in allen dreien - mit diesem Gedicht etwas zu tun hat, weiß ich nicht. Und ob die Traurigkeit über die Schwächen der neuen Welt mit "post coitum omne animal triste" zu tun hat, auch nicht. Aber beim Kaffeekränzchen kann man ja vielleicht erwähnen, daß dieses Gedicht während Arnolds Hochzeitsreise im Jahre 1851 geschrieben wurde .... und daß es bis 1867 unpubliziert blieb. Ob das der Bewahrung des Haussegens diente, ähnlich wie Mark Twain's lang verzögerte Herausgabe von Huckleberry Finn?

Wie gesagt, ich weiß es wirklich nicht - wen kümmert schon der Schmerz des Dichters beim Schmalz des Gedichtes?


...


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First posted: January 2006
Last updated: February 2010

N.B.: The frame around the poems
shows rocks and water and sand and sun
(though not typical "shingles")
in Cleveland Beach Park near our house.

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