Dieser Vierzeiler ist der Beginn eines viel längeren Werkes, Auguries of Innocence (Vorzeichen der Unschuld). Wenn meine Information stimmt, hat kein geringerer als W. B. Yeats beim Herausgeben der Gedichte Blakes gemeint, diese unvergleichliche Strophe verdiene ihren eigenen Platz. Wer könnte Fehl daran finden?
Sie meinen, sie wäre zu klein? Ja, so klein wie ein Körnchen Sand. Sie meinen, sie wäre zu kurz? Ja, so kurz wie eine Stunde...
Dieses Gedicht sei über ein mystisches Erlebnis und möglicherweise auch über Dichtung, aber sicher nicht über den Herbst, meinen Sie? Unzweifelhaft. Aber ich mag auch Gedichte über Gedichte. Es gibt viel zu wenige davon.
Sie wollen aber eines oder zwei hören, um vergleichen zu können? Bitte sehr, bitte gleich: Ein Gedicht über das Gedicht von Franz Kießling und über die holde Dichtkunst von Eugenio Montale.
Noch welche? Hab' ich eigentlich nicht. Aber wenn ich so meine kleine Webseite ansehe, finde ich doch ein paar die sich - cum grano salis und unter Nachlaß aller Taxen - möglicherweise mit Dichtung, Gedichten und Dichtern beschäftigen. Halt so ein kleiner, alphabetischer Ausflug durch das weite Land der Seele:
Margaret Atwood: Siren Song
Wilhelm Busch: Verzeihlich
Emily Dickinson: This is My Letter
und
Tell All the Truth
Maria von Ebner-Eschenbach: Ein kleines Lied
Joseph von Eichendorff: Wünschelrute
und
Isegrimm
und, last but not least, ein altes Wienerlied: Das hat ka Goethe gschrieb'n.
Später (September 2009)
Herr Martin Wisser hat unlängst freundlicherweise meine Übersetzung dieses hochberühmten Vierzeilers von William Blake in seinen Blog gestellt, mit dem Hinweis daß - Leben hin, Leben her - ihm eben solches mehr am Herzen liege als, z.B., Blakes "London". Wer würde dem nicht herzlicherweise zustimmen?
Wenn so etwas Nettes vor sich geht, lese ich mir im Abendrot meine alten Übersetzungen wieder einmal durch. Und sehe mit Entsetzen, wie sie stolpern, wie sie vom Wege abkommen, wie sie mir nicht mehr in die Augen sehen und als Gedichte begegnen wollen. Und dann versuche ich wieder einmal — obgleich ich es besser weiß, oder zumindestens besser wissen sollte — den Kontakt mit ihnen aufzunehmen und ihnen da und dort die alten Wunden zuzuschminken.
Naja, und dieser Vierzeiler ist halt auch so ein Paradefall dieser verflixten "einfachsten" Gedichte, dieser reinsten Lyrik, an deren Übersetzung ich am augenfälligsten gescheitert bin. Was dem Gedicht höchste Qualität (und mir das Gegenteil) attestiert.
Schauen Sie, schauen Sie: Ich schreib jetzt einfach und ganz ohne Kommentar andere Versionen herein. Dann dürfen sich die Literaten damit herumschlagen. Und, wenn Sie und ich Glück haben, finden Sie in der einen oder anderen Strophe doch den nur Ihnen eigenen Gleichklang mit diesem unvergleichlichen Original. Das, dem reinen Inhalt nach, eigentlich schon ein Englisch-Erstklassler hätte übersetzen können...