[1]
To "charter" kann viele Bedeutungen haben, z.B. chartern, mieten, konzessionieren, privilegieren, gesetzlich schützen, anheuern, verbriefen, etc. Wenn der Leser "verlieh'ne" oder "verbriefte" oder auch "gebrauchte" Gassen oder Straßen lieber liest, habe ich nichts dagegen. Meiner Meinung nach ist die Vieldeutigkeit sowie die politische und kommerziell weite Verbreitung dieses Wortes vom Dichter hier bewußt genützt worden...
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...und hier ironisch gemeint: Ein ungebändigter, mächtiger Strom, eine Naturgewalt — an Kommerzinteressen vermietet.
[3]
Die "mind-forged manacles" werden oft für die Schlüsselworte dieses berühmten Gedichtes gehalten. "Manacles" sind Handschellen und "mind-forged" heißt, umständlich ausgedrückt, "in der Esse menschlicher Gedanken geschmiedet". Ähnliche Bilder der Lebensschmiede finden sich, z.B., in Blakes A Divine Image und in seinem berühmten The Tyger. Die im Feuer des Denkens und der Erfahrung geschmiedeten, selbst angelegten Fesseln menschlichen Geistes und menschlicher Verhaltensweisen bilden, so könnte man in diesem Zusammenhang spekulieren, die Schwelle zwischen den Mentalräumen von Blakes bekanntesten Gedichtzyklen, den "Songs of Innocence" und ihrem Gegenstück, den "Songs of Experience".
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Vergleiche eines der zwei Rauchfangkehrergedichte von Blake, im Hochdeutschen oder im Wiener Dialekt.
[5]
Das Gedicht, wie bei Wikipedia nachzulesen, erschien zur Zeit der französischen Revolution. Ob Blake auf dieses blutige und folgenschwere Ereignis hier anspielt, kann ich aber nicht mit Sicherheit sagen.
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Ebenso hier: Ist dies eine Anspielung auf die Augeninfektion des Babys bei der Geburt durch die Syphilis der Mutter ?
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Ich bitte um Pardon für die Ausweitung dieser Zeile zum Hexameter!
Und jetzt etwas ganz Anderes und doch Gleiches:
William Hogarth (1697-1764):
The Tête à Tête
(Painting No. 2 from Marriage à-la-mode, detail)
William Hogarth: The Inspection
(Painting No. 3 from Marriage à-la-mode, detail)
Anmerkung: Auf Wikimedia Commons können Sie alle Gemälde aus Hogarth's 1743 Zyklus
Marriage à-la-mode in voller Größe und Auflösung sehen (die Bilder hier bieten nur Ausschnitte). Bild No. 2 zeigt die Langeweile der nur des Geldes willen vereinten Ehepartner; Bild No. 3 zeigt den Herrn Gemahl, der sich beim Quacksalber beschwert, daß die kindliche Prostituierte ihn mit Syphilis angesteckt habe — die er dann natürlich dann seiner Frau weitergab — und der sein Geld zurückhaben will. Hogarths visueller Kommentar spiegelt Verhältnisse wieder, die auch in Blakes letzter Strophe ihren Ausdruck fanden — und hiermit ihren Weg auf diese Webseite. Aber nicht nur deswegen. Ich fand es ja auch interessant, die "malerischen" Aspekte von Hogarth und Blake zu vergleichen: Blake war zu Erscheinen dieser Hogarth Gemäldeserie etwa vierzehn Jahre alt. Persönlich und visuell ganz anders - und doch im Geiste verwandt...
Über Blakes London könnte man viele Webseiten schreiben. Wie unübersetzbar es ist. Wie dicht seine Bildersprache, wie gewählt - und gewaltig! - seine Worte. Wie die Mehrfachbedeutungen und Wiederholungen das Bild des Schreckens und des Grauens noch schrecklicher und noch grauenvoller erstehen lassen. Der Mensch ist darin unrettbar verstrickt. (Der Übersetzer leider auch.)
William Blake, der kindesgleiche Visionär, wurde von seinen Landsleuten für verrückt gehalten. Denn ver-rückt war er ja auch — wenngleich, wie wir es heute empfinden, von der ungerechten Gesellschaftsseite abge-rückt: Sein Rücken hatte jedenfalls sehr schwer daran zu tragen...
William Wordsworth meinte nach Blakes Tod: "Es gibt keinen Zweifel daran, daß der arme Mann geisteskrank war, aber in seiner Geisteskrankheit liegt etwas, das mich mehr interessiert als die geistige Gesundheit von Lord Byron und Walter Scott." ("There was no doubt that this poor man was mad, but there is something in the madness of this man which interests me more than the sanity of Lord Byron and Walter Scott.")
Es ist interessant, daß - auf diesen Übersetzungseiten zumindestens - William Blake die höchsten Leserzahlen aufweist (über 20 neue Besucher pro Tag während der akademischen Semester). Weil Sie schon fragen: Ihm folgen (im Achtungsabstand) Emily Dickinson und (etwas abgeschlagen) Rainer Maria Rilke and W.B. Yeats. Und nein, natürlich nicht, die Poetik ist ja kein Pferderennen. Ich hab' nur so... Und nur falls Sie sowas vielleicht doch interessieren könnte...
Hat uns William Blake heute überhaupt noch etwas zu sagen, von akademischer Ästhetik einmal abgesehen? Bedenken Sie dieses: Blake beklagt sich, daß das London an der Themse und sogar die Themse selbst "gechartert" wurden; daß das ungehinderte Streben nach kommerzieller Kontrolle über Mensch und Natur, aufgebaut auf staatlicher und persönlicher Raffgier - manchmal, aber leicht zu falschen Schlüssen führend, als "Sozialdarwinismus" bezeichnet - (siehe Blakes Songs of Experience") das gesunde Menschenempfinden und dessen Naturmoral (siehe seine "Songs of Innocence")zerstöre. Unlängst was von Bankensanierungen und Stimulus-Paketen für die armen Reichsten gehört?