Translation / Übersetzung
by / von Walter A. Aue



William Blake:

London

I wander thro' each charter'd street,
Near where the charter'd Thames does flow,
And mark in every face I meet,
Marks of weakness, marks of woe.

In every cry of every Man,
In every Infant’s cry of fear,
In every voice, in every ban,
The mind-forg'd manacles I hear.

How the Chimney-sweeper’s cry
Every black'ning Church appalls;
And the hapless Soldier’s sigh
Runs in blood down Palace walls.

But most, thro' midnight streets I hear
How the youthful Harlot’s curse
Blasts the new born Infant’s tear,
And blights with plagues the Marriage hearse.




William Blake: London


William Blake, six years before his death
(Watercolor copy, John Linnell)





"London" is a poem from the "Songs of Experience", the counterpart to "Songs of Innocence", which are likely Blake's two best-known works as a poet, illustrator (illuminator) and printer. Here are their title pages:


William Blake: Songs of Experience


William Blake: Songs of Innocence





I thought you might want to have a look at some of Blake's paintings (and compare them, perhaps, to the stylistically very different canvasses by William Hogarth shown opposite). Blake's images date from various periods and projects, and provide insight into his thinking, not to mention his visionary personality. I have cropped most images to fit the small format, and there is a hint of narrative to my arranging their sequence.


William Blake:
The Good and Evil Angels


William Blake:
The House of Death


William Blake: Pity




William Blake: Jerusalem, Plate 25


William Blake: Nebuchadnezzar


William Blake: Plate 9, Book of Urizen


William Blake: Urizen in Chains


William Blake: Satan pours plagues on Job
(from Blake's illustrations of the Book of Job; detail)




William Blake: The Ten Commandments


William Blake: Glad Day






Incidentally, some of the symbols and characters found in "London" also appear in other Blake poems. The forge of the mind - if that is what it is - occurs in The Tyger and in A Divine Image; and The Chimney-Sweeper has a poem all onto itself. The blackening Church is all over Blake's oeuvre, of course, for instance in The Garden of Love.




William Blake:

London

Ich wand're durch verkaufte[1]Gassen,
wo die verkaufte Themse[2] fließt
und wo aus jedem dieser blassen
Gesichter Weh und Schwäche sprießt.

In jedem Schrei von jedem Mann,
in Angst, die Kinder weinen macht,
in jeder Stimme, in jedem Bann
hör' Fesseln[3] ich, vom Hirn erdacht:

Wie eines Schornsteinfegers[4] Harm
jedweger Kirche Dunkeln schreckt;
wie hilflos der Soldatenarm
verblutend die Palastwand[5] fleckt.

Doch meist muß Mitternachts ich hör'n,
wie junger Straßenhure Plagen
des Neugebor'nen Trän'[6] zerstör'n,
und Seuchen streu'n dem Hochzeits-Totenwagen[7].




[1]     To "charter" kann viele Bedeutungen haben, z.B. chartern, mieten, konzessionieren, privilegieren, gesetzlich schützen, anheuern, verbriefen, etc. Wenn der Leser "verlieh'ne" oder "verbriefte" oder auch "gebrauchte" Gassen oder Straßen lieber liest, habe ich nichts dagegen. Meiner Meinung nach ist die Vieldeutigkeit sowie die politische und kommerziell weite Verbreitung dieses Wortes vom Dichter hier bewußt genützt worden...

[2]     ...und hier ironisch gemeint: Ein ungebändigter, mächtiger Strom, eine Naturgewalt — an Kommerzinteressen vermietet.

[3]     Die "mind-forged manacles" werden oft für die Schlüsselworte dieses berühmten Gedichtes gehalten. "Manacles" sind Handschellen und "mind-forged" heißt, umständlich ausgedrückt, "in der Esse menschlicher Gedanken geschmiedet". Ähnliche Bilder der Lebensschmiede finden sich, z.B., in Blakes A Divine Image und in seinem berühmten The Tyger. Die im Feuer des Denkens und der Erfahrung geschmiedeten, selbst angelegten Fesseln menschlichen Geistes und menschlicher Verhaltensweisen bilden, so könnte man in diesem Zusammenhang spekulieren, die Schwelle zwischen den Mentalräumen von Blakes bekanntesten Gedichtzyklen, den "Songs of Innocence" und ihrem Gegenstück, den "Songs of Experience".

[4]     Vergleiche eines der zwei Rauchfangkehrergedichte von Blake, im Hochdeutschen oder im Wiener Dialekt.

[5]     Das Gedicht, wie bei Wikipedia nachzulesen, erschien zur Zeit der französischen Revolution. Ob Blake auf dieses blutige und folgenschwere Ereignis hier anspielt, kann ich aber nicht mit Sicherheit sagen.

[6]     Ebenso hier: Ist dies eine Anspielung auf die Augeninfektion des Babys bei der Geburt durch die Syphilis der Mutter ?

[7]     Ich bitte um Pardon für die Ausweitung dieser Zeile zum Hexameter!





Und jetzt etwas ganz Anderes und doch Gleiches:


William Hogarth (1697-1764):
The Tête à Tête
(Painting No. 2 from Marriage à-la-mode, detail)


William Hogarth: The Inspection
(Painting No. 3 from Marriage à-la-mode, detail)


Anmerkung: Auf Wikimedia Commons können Sie alle Gemälde aus Hogarth's 1743 Zyklus Marriage à-la-mode in voller Größe und Auflösung sehen (die Bilder hier bieten nur Ausschnitte). Bild No. 2 zeigt die Langeweile der nur des Geldes willen vereinten Ehepartner; Bild No. 3 zeigt den Herrn Gemahl, der sich beim Quacksalber beschwert, daß die kindliche Prostituierte ihn mit Syphilis angesteckt habe — die er dann natürlich dann seiner Frau weitergab — und der sein Geld zurückhaben will. Hogarths visueller Kommentar spiegelt Verhältnisse wieder, die auch in Blakes letzter Strophe ihren Ausdruck fanden — und hiermit ihren Weg auf diese Webseite. Aber nicht nur deswegen. Ich fand es ja auch interessant, die "malerischen" Aspekte von Hogarth und Blake zu vergleichen: Blake war zu Erscheinen dieser Hogarth Gemäldeserie etwa vierzehn Jahre alt. Persönlich und visuell ganz anders - und doch im Geiste verwandt...




Über Blakes London könnte man viele Webseiten schreiben. Wie unübersetzbar es ist. Wie dicht seine Bildersprache, wie gewählt - und gewaltig! - seine Worte. Wie die Mehrfachbedeutungen und Wiederholungen das Bild des Schreckens und des Grauens noch schrecklicher und noch grauenvoller erstehen lassen. Der Mensch ist darin unrettbar verstrickt. (Der Übersetzer leider auch.)

William Blake, der kindesgleiche Visionär, wurde von seinen Landsleuten für verrückt gehalten. Denn ver-rückt war er ja auch — wenngleich, wie wir es heute empfinden, von der ungerechten Gesellschaftsseite abge-rückt: Sein Rücken hatte jedenfalls sehr schwer daran zu tragen...

William Wordsworth meinte nach Blakes Tod: "Es gibt keinen Zweifel daran, daß der arme Mann geisteskrank war, aber in seiner Geisteskrankheit liegt etwas, das mich mehr interessiert als die geistige Gesundheit von Lord Byron und Walter Scott." ("There was no doubt that this poor man was mad, but there is something in the madness of this man which interests me more than the sanity of Lord Byron and Walter Scott.")

Es ist interessant, daß - auf diesen Übersetzungseiten zumindestens - William Blake die höchsten Leserzahlen aufweist (über 20 neue Besucher pro Tag während der akademischen Semester). Weil Sie schon fragen: Ihm folgen (im Achtungsabstand) Emily Dickinson und (etwas abgeschlagen) Rainer Maria Rilke and W.B. Yeats. Und nein, natürlich nicht, die Poetik ist ja kein Pferderennen. Ich hab' nur so... Und nur falls Sie sowas vielleicht doch interessieren könnte...

Hat uns William Blake heute überhaupt noch etwas zu sagen, von akademischer Ästhetik einmal abgesehen? Bedenken Sie dieses: Blake beklagt sich, daß das London an der Themse und sogar die Themse selbst "gechartert" wurden; daß das ungehinderte Streben nach kommerzieller Kontrolle über Mensch und Natur, aufgebaut auf staatlicher und persönlicher Raffgier - manchmal, aber leicht zu falschen Schlüssen führend, als "Sozialdarwinismus" bezeichnet - (siehe Blakes Songs of Experience") das gesunde Menschenempfinden und dessen Naturmoral (siehe seine "Songs of Innocence")zerstöre. Unlängst was von Bankensanierungen und Stimulus-Paketen für die armen Reichsten gehört?



...


William Blake:

A Little Boy
Lost

.

Nought loves another as itself,
Nor venerates another so,
Nor is it possible to thought
A greater than itself to know.

'And, father, how can I love you
Or any of my brothers more?
I love you like the little bird
That picks up crumbs around the door.'

The Priest sat by and heard the child;
In trembling zeal he seized his hair,
He led him by his little coat,
And all admired the priestly care.

And standing on the altar high,
'Lo, what a fiend is here! said he:
'One who sets reason up for judge
Of our most holy mystery.'

The weeping child could not be heard,
The weeping parents wept in vain:
They stripped him to his little shirt,
And bound him in an iron chain,

And burned him in a holy place
Where many had been burned before;
The weeping parents wept in vain.
Are such things done on Albion's shore?




William Blake: Web of Religion


William Blake: The Blasphemer


William Blake: The Body of Abel found by Adam and Eve




William Blake: The Ancient of Days





If you are interested in interpretating some of Blake's most famous poems, drop by Andrew Moore's "Universal Teacher" website. For more by and about Blake, the Blake Archive is likely the link of choice for you. And for a small collection of Blake's paintings, visit the WebMuseum. And, and, and...



William Blake:

Ein kleiner,
verlorener Bub

Für Sepp

Nie liebt den Nächsten man wie sich,[1]
noch wird dem Nächsten so vertrau'n,
und dem Verstand ist's unmöglich[2]
ein Größ'res als sich selbst zu schau'n.

"Wie könnt' ich lieben, Vater mein,
Dich oder meinen Bruder mehr?[3]
Ich lieb' Dich wie das Vögelein,
das Krümel pickend läuft einher."

Der Pfaff saß da und hört das Kind;
voll Eifer packt er ihn beim Haar
und führt beim Röcklein ihn geschwind,
und alle dachten, 'Wunderbar!'

Und, stehend auf dem Hochaltar,
spricht er: "Seht diesen Teufel hier,
der Logik richten läßt fürwahr,
was Offenbarung für und für.

Des Kindes Weinen hört man nicht,
vergeblich war der Eltern Leid;
sie zogen aus ihn bis auf's Hemd
und steckten ihn in's Eisenkleid

und brannten ihn am heil'gen Ort,
wo viele wurden schon verbrannt;
vergeblich war der Eltern Leid.
Tut solches man in Engelland?[4]    




[1]     vgl. z.B: Matthaeus 22:37-40 (Luther Bibel 1545): Jesus aber sprach zu ihm: "Du sollst lieben Gott, deinen HERRN, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte." Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist ihm gleich; Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

[2]     vgl. ein bekanntes und viel-diskutiertes philosophisches und theologisches Argument: Der menschliche Verstand könne nicht etwas (gemeint ist die Person und Offenbarung der Gottheit) jenseits seiner eigenen Grenzen und größer als seine eigenen Fähigkeiten verstehen. Er könne es nur glauben. Eine der (künstlerischen) Antworten auf dieses sophistische Argument wurde von Emily Dickinson gegeben.

[3]     vgl. das manchmal aufgetauche aber umstrittene theologische Verlangen, man müsse Gott mehr lieben als sich selbst.

[4]     Wir wollen Albion (ein alter Name für Großbritannien) nicht alle Schuld tragen lassen. Der Leser ist eingeladen, entsprechende Änderungen an der letzten Strophe selbst vorzunehmen, z.B.

und brannten ihn am heil'gen Ort,
wo viele brannten schon bevor;
vergeblich war der Eltern Leid.
Tut solches man in Ekuador?

(Die beiden Länder, deren Staatsbürger ich bin, Österreich und Kanada, entkamen hier, wie Morgenstern sagt, "nur des Reimes willen".)




Aber im Ernst: Ich habe einen guten Freund, den Sepp, der in Österreich aufgewachsen ist und dem ich deswegen meine Übersetzung hier gewidmet habe. Nein, sie haben ihn nicht verbrannt. Die Zeiten waren nicht mehr danach. Sie haben ihm nur, wie soll ich's sagen, in der Schule und in der Familie die Hölle heiß gemacht. Er hatte zuviel Verstand — und das ist immer gefährlich, besonders wenn man auf das Verständnis anderer Menschen angewiesen ist. Es gibt eben "Menschen" und 'Menschen'...

(Ich war da GottseiDank viel besser dran. Mein obligatorischer Religionsprofessor in der Mittelschule - jetzt AHS genannt, als ob das besser wäre - war im Unterschied zu Sepps Katechet ein gütiger und toleranter Mensch, in der Schule wie im Leben. Monsignore Rudolf Brauneis, Friede Ihrem Angedenken!)




Warum ich so viel dazuschreibe? Ich glaube, ich habe ein zu schlechtes Gewissen. Blake ist nicht leicht zu übersetzen, vor allem in seinen "einfachen" Phrasen.

Nur ein Beispiel: Ein Erstklassler der Mittelschule könnte die Wörter des Titel richtig übersetzen. Die Worte des Titels aber (vor allem wenn man einmal das Gedicht gelesen hat) sind eine ganz andere Sache. Ich hab' alles mögliche probiert; geworden ist draus nichts. Tut mir leid.

Aber ich kann Ihnen verraten, woran es mich erinnert hat. Da gibt es eine Phrase, "das Kind war tot", die dem Titel nahe kommt. Aber nur, wenn man sie als die letzte Zeile der Schubert Vertonung von Goethe's Erlkönig hört.





Wenn Sie an Deutungen der Gedichte Blakes interessiert sind, setzen Sie sich doch Ihre beste Englischbrille auf und besuchen Sie Andrew Moore auf seinen "Universal Teacher" Webseiten. Und wenn Sie noch weiter an Blake interessiert sind, an allem möglichem von und über ihn, ist das Blake Archiv wohl die richtige Adresse. Dann gibt's auch noch eine kleine Sammlung von Bildern im WebMuseum zu schauen. Und, und, und...


...
.


William Blake:

And did those feet...
(Jerusalem)

. And did those feet in ancient time,
Walk upon Englands mountains' green:
And was the holy Lamb of God,
On England’s pleasant pastures seen!

And did the Countenance Divine
Shine forth upon our clouded hills?
And was Jerusalem builded here
Among these dark Satanic Mills?

Bring me my Bow of burning gold:
Bring me my Arrows of desire:
Bring me my Spear: O clouds unfold:
Bring me my Chariot of fire!

I will not cease from Mental Fight,
Nor shall my Sword sleep in my hand:
Till we have built Jerusalem
In Englands green and pleasant Land.




For a short compilation of interpretational arguments, for instance of the "Satanic Mills" - black churches or black factories? - see the Wikipedia article on this poem and its use as the "inofficial English anthem". These few stanzas from the preface of "Milton a Poem", printed ca. 1808, have reverberated for centuries - and not just in England.





William Blake:
From Preface to Milton a Poem



William Blake:

Und tat sein Fuß...
(Jerusalem)

Und tat Sein Fuß in alter Zeit
durch's Grün von Englands Bergen gehn?
Und ward das heil'ge Gotteslamm
auf Englands Weiden einst gesehn?

Und sah das göttliche Gesicht
durch uns'rer Hügel Wolkenmeer?
Und ward Jerusalem gebaut
nebst Satans schwarzen Mühlen her?

Bringt meines Bogens Goldesglühn;
bringt Pfeile mir, die ich erdacht;
bringt meinen Speer: Teilt, Wolken, euch:
Bringt meines Feuerwagens Macht!

Nicht lass' ich ab vom Geisteskampf,
nicht schlaf' das Schwert in meiner Hand,
bis wir Jerusalem erbaut
in Englands grünem, schönen Land.




Eine Zusammenstellung verschiedener Interpretationen diese Gedichtes, z.B. seiner "Satanic Mills" (dunkle Kirchen oder dunkle Fabriken?), findet sich in einem Wikipedia Artikel, der auch die Verwendung dieses Gedichtes als die "inoffizielle Landeshymne Englands" abhandelt.


...



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First posted: August 2009
Last updated: December 2011

N.B.: The frame around the poems
shows a leaf from last year.

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