Translations / Übersetzungen
by / von Walter A. Aue
Emily Dickinson:
The spider
as an artist
The spider as an artist
Has never been employed
Though his surpassing merit
Is freely certified
By every broom and Bridget
Throughout a Christian land.
Neglected son of genius,
I take thee by the hand.
What is it that I am writing on the right side of the net? Oh, I just wanted to "tell the Truth but tell it slant" (sounds familiar?) - and not forget to mention "slant rhyme" in the process. And play around a bit with the idea of Nets - in our brain, in our computer, in our nature. And, of course, I wanted to note the fascination of poets with spiders and spidernets - pretty sticky stuff, that! - as shown, even in this little collection - in poems by
Walt Whitman und Wilhelm Busch.
Sure, Emily digs the dark inside, Walt the passionate outside, and Wilhelm the gentle, yet inexorable game of nature. And now, please, do go back to surfing the Net!
Whereto? Well, for instance to a good site about rhyme and verse and, more importantly, about Reading Poems. S L O W L Y, please! And dig that wonderful dig into T.S. Eliot. He is right, you know. Eliot et al. did try to convert their own waste land into a waste land for all. Just that your own prof might not dare to say that...
But let's not be too hard on poor, old T.S. After all, he also published Old Possum's Book of Practical Cats (though he did not dare to include the one cat that, in Webber's score, achieved salvation). But is Eliot so different from the many psychoanalysts, politicians, evangelists and Fathers of the Church, who fleece their flock by inflicting their own, private hell on their happy herds?
Emily Dickinson:
Als Künstler
war die Spinne
Als Künstler war die Spinne
noch niemals angestellt,
obwohl die höchsten Ränge
ihr gerne überläßt
jedwege Magd mit Besen
im weiten Christenland.
Versäumtes Musensöhnchen,
ich nehm' dich bei der Hand.
Meine Reime holpern? Aber nicht doch! Und das, nachdem ich mich SO angestrengt habe, Emilys schiefe Reime ("slant rhymes", "odd rhymes") ins Deutsche hineinzuschmuggeln...
Ja, es stimmt schon. Vieles wird von Anglophonen als "rhyme" bereitwillig zerkaut und verdaut, was dem Deutschsprachigen gar nicht schmeckt und schon oft in der Kehle stecken bleibt - lange noch, bevor es das Herz erreicht. Im Englischen gibt's die verschiedensten Arten von schiefen Reimen (und die Akademie hat sie natürlich alle brav katalogisiert).
Aber warum? Warum gibt's diese schiefen Reime?
Nun, ein Grund ist sicher daß das Englische weit weniger reine Reime ("perfect" oder "full" oder "pure rhymes") bietet als etwa das Italienische. Darum haben ja auch die Italiener (z.B. Petrarca) das Sonnett erfunden und die Engländer (z.B. Shakespeare) es in eine Form gebracht, die weniger Anspruch an den Reim (und u.U. mehr an die Aussage) stellt. Ganz abgesehen von der ewigen Frage (die es im Deutschen GottseiDank nicht gibt): Reimen wie geschrieben (aber nicht gesprochen); oder reimen wie gesprochen (aber nicht geschrieben); oder - Mangelware und daher bis zum Klischee überverwendet - reimen wie geschrieben und gesprochen??? Im Englischen ist halt alles so schwierig...
Aber es gibt noch einen anderen (und sehr guten) Grund für die Verwendung der slant rhymes im Englischen, zumindestens bei so einem Genie wie es Dickinson war. Sich spießende Reime spießen sich bei ihr genauso wie die Ideen, die sie ja ausdrücken und verstärken sollen. Das gezielte Einsetzen von Dissonanz (im Reim, im Rhythmus) inmitten der Resonanz (mit dem Leser), sozusagen. Die Musik ist ja voll davon - obwohl nur wenige Komponisten, z.B. Mozart, etwas
Schönes daraus machen können...
Und der geniale Künstler, die reinliche Hausfrau und die transzendentale Schönheit des Spinnennetzes sind nun einmal Denkformen, die sich spießen. Und darum geht's ja schließlich in dem Gedicht...
Ach so, Sie meinen, ich hätte nur eine ruhige Kugel geschoben? Weil Deutsch sich zwar leichter als Englisch, aber doch viel schwerer als Italienisch reimt? Ich hätte "Reim dich oder ich friß dich!" gespielt? Sie verdienen, daß ich Ihnen - wie soll ich sagen - daß ich Ihnen - na ja, weil's schon einmal sein muß - also daß ich Ihnen eine - zweite, viel leichtere Version - klebe:
Als Künster ward die Spinne
von niemand noch ernannt -
und doch, die höchsten Sinne
sind gern ihr zuerkannt
von jedem Tuch und Besen
im weiten Christenland.
Du geniales Wesen,
ich nehm' dich bei der Hand!
Und wenn's nichts nützt, schadet's auch nicht. Zumindestens helfen zwei Übersetzungen den Emilianischen Doppelsinnigkeiten. Und jetzt, wo Sie wissen, wie leicht sowas geht, probieren Sie's doch einmal mit den zwei folgenden Spinnengeweben... Ich schenier' mich einstweilen...
The Spider holds a Silver Ball
In unperceived Hands —
And dancing softly to Himself
His Yarn of Pearl — unwinds —
He plies from Nought to Nought —
In unsubstantial Trade —
Supplants our Tapestries with His —
In half the period —
An Hour to rear supreme
His Continents of Light —
Then dangle from the Housewife's Broom —
His Boundaries — forgot —
Emily Dickinson:
Die Spinne hält
den Silber Ball
Die Spinne hält den Silber Ball
in unerkannter Hand —
und, sanft im Tanze mit Sich Selbst,
Ihr Perlengarn — entspannt —
Sie treibt, vom Nichts zum Nichts —
gewichtlos Ihr Geschäft:
Ihr'n Teppich, über dem von uns,
viel schneller Sie erschafft.
Ein Stündchen aufzubau'n
der Kontinente Licht —
dann hängt vom Besen einer Magd —
Ihr Grenzgebiet — zunicht —
Emily hätte einen Spinnenkomplex gehabt? Weil sie die meiste Zeit allein in ihrer winzigen Dachkammer verbrachte, nur mit ihren Gedichten beschäftigt? Aber, aber!
Sie war nicht der einzige Dichter, der von der Spinne - oder, genauer, vom Spinnennetz - fasziniert war. Selbst in dieser kleinen Sammlung finden Sie weitere Spinnengedichte, so von Walt Whitman und Wilhelm Busch.
Sicher, die Suche nach dem göttlichen Funken spielt sich da sehr verschieden ab. Bei Dickinson geht sie nach Innen, bei Whitman nach Außen, bei Busch in die Hose. Nein, nicht so, aber doch auch, oder? Und ist es nicht immer das Suchen nach dem Menschen, der sich in den unzähligen Facetten des Netzes spiegelt?
Unser Gehirn ist ein aus Neuronen gesponnenes Netz. Und in einem anderen, einem weltweiten Netz gefangen. Netz über Netz über Kokon. Würde sich Emily heute im Bildschirm ihrer Billybox selber suchen? Und vielleicht nur die weltweite Spinne finden, die sie in Seide einwickelt und aussaugt? Wir wären um so vieles ärmer ohne Emilys Gedichte!
Spinnen sie das Garn ruhig weiter - ich muß mich um das nächste Spinnennetz kümmern...
Nur um's wieder einmal zu betonen: Ich bin ein Chemiker im Ruhestand. Und bloßer Amateur beim Werben um die Gunst der sich spiegelnden Muse. Wir Chemiker sind immer noch nicht imstande gewesen, wirkliche Spinnenseide herzustellen. Spinnenseide besteht aus zwei Proteinen, aus einem Kern und einer Umhüllung. Und hat Eigenschaften, von denen wir nur träumen können.
Stellen Sie sich das Problem des Insektenfangens einmal vergrößert vor: Hängen wir ein Netz zwischen zwei Wolkenkratzer und fangen wir uns damit eine Boeing.
Dafür sollte das Netz praktisch unsichtbar sein (außerordentlich dünne Fäden, außer sie reflektieren gerade die Sonne). Und stark genug nicht zu zerreißen, wenn das Flugzeug hineinfliegt. Das heiszt, sie müssen nachgeben können, elastisch sein. Sonst bricht das Flugzeug durch. Aber wieder nicht so elastisch, daß das Flugzeug zurück- und wieder weggeschleudert wird. Und klebrig müssen sie auch sein, sonst fällt das Flugzeug hinunter auf die Straße — und aus ist es mit der Passagierverwertung. Naja, bauen Sie das einmal in ein paar Polymerfäden ein...
A spider sewed at night
Without a light
Upon an arc of white.
If ruff it was of dame
Or shroud of gnome,
Himself, himself inform.
Of immortality
His strategy
Was physiognomy.
You think this is difficult to interpret? Good for you!
And as long as you have so much fun doing that, why don't you try to interpret Yeats' The Second Coming?
Your Dickinson interpretation may just illuminate - only for your eyes, thanks God! - your search for an inner Self. And your Yeats interpretation may just divulge your political opinions and anxieties, reveal your biases and fears, conjure up your very own doomsday scenarios...
If that's not fun, what is?
Emily Dickinson:
Die Spinne
näht zur Nacht
Die Spinne näht' zur Nacht
im Dunkel sacht
an weißen Kreises Pracht.
Ob Rüsche von Madame,
ob Tüll von Gnom
sich selber selbst vernahm.
Für's ew'ge Leben, sie,
als Strategie,
wählt Physiognomie.
Dies muß wohl einer der verdichtetsten Aussagen von Emily Dickinson - und der Welt der Poesie überhaupt - darstellen. Kürzer geht's nicht mehr.
Ach so, sie kennen den Schüttelreim
Du bist
Buddhist
und der wäre noch kürzer? Stimmt. Aber der, obgleich genial (einige meiner besten Freunde sind Buddhisten!) ist kein Gedicht.
Was denn dann ein Gedicht sei? Jo mei, wenn ich das wüßte, brauchte ich nicht so viel hin und her zu übersetzen. Meinem Dafürhalten nach gibt es mehr Kunstdefinierer als Künstler. Das ist in der Malerei und der Musik auch nicht anders. Jeder tötet seine Flöhe nach seiner eigenen Methode, sagen die Franzosen. Und Definierer definieren sich haupsächlich selbst. Was ja schließlich der Zweck der Übung war.
Aber wenn Sie einen amerikanischen Essay lesen wollen, der etwas über Gedichte auszusagen hat, sehen Sie sich doch Reading Poems an. Da lernen Sie wenigstens ein bißchen mehr über "slant rhymes" und ähnliches. In gutem Englisch.
Eine weitere Frage? Was ich denn da oben mit "verdichtet" gemeint hätte? Na, komprimiert, kondensiert, auf's Wesentliche konzentriert, in kürzester Form, eindringlichst. Was hatten Sie denn gedacht?
Noch eine Frage? Heilige Emily, schau oba! Ob der GNOM rein zufällig in die PhysioGNOMie hineinschlüpfte? Der Gnom in uns, der im Gesicht sich zeigt? Ah, sie haben ihn entdeckt! Meine Hochachtung!
Ob das auch Sinn ergibt? Sicher. Emily hat manchmal mit Humor, aber nie ohne Sinn geschrieben. Nur wir wissen halt nicht, was sie da in ihrer Dachkammer wirklich im Sinne hatte. Vielleicht Vielsinniges?
Ja, sicher, ich könnte. Aber Sie auch. Und ich will Ihnen das Vergnügen nicht nehmen!
Verflixte englische Poesei, sagen Sie? Ja, da ist schon was dran. Sehen Sie, wenn's die Leute nicht verstehn, dann musz es doch etwas Besonderes sein, oder? Unverständlichkeit wird Qualitätsmerkmal. Poeta doctus nannten die alten Römer den "gelehrten" Dichter. So wie wir den "akademischen" Maler. Und das ist kein Kompliment. Aber weil wir schon bei solchen Sprachmysterien sind: Jemals was von Kirchenlatein gehört? Oh schöne, alte Sprachmagie, wohin bist du entschwunden!
Aber Emily, nein, die wußte schon, was sie tat. So wie Ihr Herr von Goethe, der einmal meinte, nach vierzig wäre jeder für sein eigenes Gesicht verantwortlich. Die Selbsterkenntnis der Spinne - Spinne, wohlgemerkt! - als Informationsinhalt ihres Netzes?
Es wäre ja sowieso alles genetisch, meinen Sie? Sie haben das gesagt, nicht ich. Und zu Emily's Zeiten gab's ja noch gar keine Gene...