Translation / Übersetzung
by / von Walter A. Aue



Emily Dickinson:

Success is counted
sweetest

Success is counted sweetest
By those who ne'er succeed.
To comprehend a nectar
Requires sorest need.

Not one of all the purple host
Who took the flag to-day
Can tell the definition,
So clear, of victory!

As he, defeated, dying,
On whose forbidden ear
The distant strains of triumph
Burst agonized and clear!



Reading this poem gives me goose pimples. Which is as valid a definition of "real poetry" as I have ever heard. And close to Dickinson's own definition. What is so totally amazing to me is how simple the poem reads - how clear its meaning is and how clear it comes through to the reader. Despite the poem's extreme compression; despite its shifted attributions - the forbidden ear, the agonized strains of triumph; despite the fact that the last two stanzas form, in essence, one sentence; despite the profound psychological insight. And with little to hold on to, like Emily's two 'clear's. But, then, that is poetry-that-is-real-poetry and, more important, that's Emily Dickinson for you...



Emily Dickinson:

Erfolg scheint dem
am süßten

Erfolg scheint dem am süßten,
der ihn nicht haben kann:
den Nektar hochzuschätzen
kann nur der Mangel dran.

Nicht einer unserer Armee,
der heut beginnt den Krieg,
könnt' so klar schildern die Idee,
was für ihn sei der Sieg,

wie dem, besiegt und sterbend
(ins Ohr, für das's nicht wahr)
des Feinds Triumphfanfare
birst schmerzensvoll und klar!



Ja, ja, ich weiß schon. Dies und das stimmt nicht so in der Übersetzung. Aber, ich bitte Sie: Bei Emily stimmt ja auch nicht alles. Das heiszt, dramatisch stimmt's schon, aber grammatisch halt nicht. The forbidden ear, the agonized strains of triumph...

Ach so, naja. Stimmt natürlich. Denn wenn Sie so gut Englisch könnten, daß Sie das bemerkt hätten, müßten Sie sich jetzt nicht mit meiner schwachbrüstigen Übersetzung herumschlagen...

Also gut. Ich übersetze (holperüberstolpere!) das Gedicht nochmals - und nur für Sie! Und fast wörtlich, in Prosa [mit verklammerten Erklärungen!], damit Ihnen Emilys Englisch leichter erscheine:

Den Erfolg schätzen die als am süßesten ein, die selbst niemals Erfolg haben: Um einen Nektar zu verstehen, muß man äußersten Mangel daran spüren. Nicht einer von allen denen in der Armee, die heute die Flagge nahmen [d.h. den Flaggeneid leisteten, Soldaten wurden], kann so klar [im Sinn von genau] definieren, was Sieg bedeutet, wie der, der besiegt und sterbend [darniederliegt] und an dessen verbotenes Ohr [d.h. an das Ohr eines Besiegten, für den die Klänge nicht zutreffen] in Todespein [nicht der Klänge, sondern des Besiegten] die fernen Klänge des [Schlacht]Triumphes klar [im Sinne von deutlich] bersten [in einer späteren Fassung: brechen]!

Und, haben Sie bemerkt: Wie Emily ihr "clear", habe ich auch "klar" zweimal und genauso doppeldeutig wie sie verwendet.

Alles klar? Nein? Irgendwas wäre da nicht richtig? Aber bedenken Sie: Schätzen die Menschen nicht immer das am meisten, was ihnen selbst abgeht? Und piesackt mancher berühmte Professor seine Studenten nicht am ärgsten mit dem, was er selber nicht wirklich versteht? (Nur in der Chemie, natürlich!)

Ach so. Es war etwas anderes. Sie verglichen nur das Deutsch meiner erklärenden Prosa mit dem Deutsch meiner erfühlenden Reime. Dankschön! VergeltsGott! Welch' ein maschekseitiges Kompliment! Aber wozu braucht man schon einen Übersetzer, wenn es Babelfish gibt...

Was Babelfish sei? Ach, so was ähnliches wie Politikergebabbel. Und dem Fisch, der vom Kopfe anfängt zu stinken. Vor allem, wenn es wieder einmal in den Krieg geht...

Und nun genug der poetischen Wehrkraftzersetzung...


P.S. in eigener Sache - und weil wir gerade vom Tod sprechen: Eines der berühmtesten Gedichte von Emily Dickinson ist ihr Because I could not stop for Death ("Ich konnt' nicht halten
für den Tod"). Ich hab' da unlängst Emily's handschriftliche Version in die Hand bekommen - und die unterscheidet sich enorm von der (nach ihrem Tod) gedruckten. Also mußt ich nochmals... Und da ich schon dabei war... Naja, Sie versteh'n schon...

Aber ich glaube, es hat sich ausgezahlt. Schau'n Sie sich's doch noch einmal an...


...



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First posted: October 2006; last updated: January 2008

N.B.: The frame around the poems shows the digitally stirred image of a fall leaf.

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