Translation / Übersetzung
Reading / Lesung
by / von Walter A. Aue
Caution:
As usual for Emily Dickinson, the original poems do NOT have titles!
The titles you see, as well as the comments, are of my own free invention! Please pardon these theo-logical games!
Vorsicht:
Die Originalgedichte, wie fast immer bei Emily Dickinson, haben KEINE Titel! Die Titel, wie auch die Kommentare dieser Seite, sind meine eigene, freie Erfindung! Verzeihen Sie mir bitte diese theo-logischen Spielereien!
SEVEN THEO-LOGICAL POEMS BY EMILY DICKINSON
Emily Dickinson:
The Creed of Emily
Tell all the Truth but tell it slant -
Success in Circuit lies
Too bright for our infirm Delight
The Truth's superb surprise
As Lightning to the Children eased
With explanation kind
The Truth must dazzle gradually
Or every man be blind -
Education is the art of the possible. So is politics, religion and, yes, even art itself. It's no good for the sculptor to force the marble beyond physical, or the patron beyond financial breaking point. The art of the possible does not mean pandering to ignorance. What it does mean is advancing knowledge to the greatest possible extent. One step further and the effort becomes counterproductive. (I should know, I have been teaching first-year chemistry for much of my adult life.)
That said, Emily Dickinson's main point - a given to her, I presume - is to Tell all the Truth! Does the end justify the means in the pursuit of "truth"? If not, what is the meta phor?
I am standing on a soap box, you say, and that's a slippery place to make a stand? Well, yes. But for a good cause: When you read the following poems, you might, beyond admiring the beauty of the poem and the courage of the author - given her time and place in a stiflingly religious society - well, you might just ask yourself the question: What is she really trying to say?
And is she perhaps saying that to our time as well?
Emily Dickinson:
Das Credo der Emilia
Künd' all die Wahrheit, nur nicht pur!
Umschreibe klug die Pracht:
Zu stark für uns're Schwachnatur
ist Wahrheits Strahlenmacht!
Wie man des Blitzes Feuerschein
erläutert sanft dem Kind,
muß Wahrheit langsam leuchten ein -
sonst werden alle blind!
Emily macht Abstriche, sagen Sie? Sie macht Zugeständnisse? Sie wird ihrer Mission untreu? Sie verrät die reine Lehre?
Na, wie man's nimmt. Aufklärung ist die Kunst des Möglichen, so wie Politik, Religion oder die Kunst selbst auch. Was nützt dem Bildhauer die Idealform, wenn sie den Marmor bricht?
Für mich spricht Emily von einem Absoluten - der Wahrheit, all der Wahrheit - und von einem Relativen - wie die Wahrheit am besten an den Mann (Pardon: an die Frau) zu bringen wäre. Ist es nicht bewundernswert, daß sie (trotzdem) an die Absolutheit der Wahrheit glaubt? Und die Klugheit hat zu verstecken, was sie die Kühnheit hat zu sagen? Ohne sie wäre die Welt um viele schöne Gedichte ärmer. Haben Sie einmal den Mut, im 19. Jahrhundert in Massachusetts zu leben!
Und bitte lassen Sie sich nicht abhalten, hinter der Eleganz und Schönheit der Verse auch nach der (wirklichen) Botschaft zu fragen. Die vielleicht auch noch für unsere Zeit Gültigkeit hat...
Doch Sie sind sich da nicht so sicher? Na, wie wär's mit einer anderen Übersetzung?
Dieses Gedicht sei über die unter der Hand verkaufte Wahrheit oder möglicherweise auch über ein Gedicht, aber sicher nicht über den Herbst, meinen Sie? Unzweifelhaft. Aber ich mag Gedichte über Gedichte. Es gibt viel zu wenige davon.
Sie wollen aber eines oder zwei hören, um vergleichen zu können? Bitte sehr, bitte gleich: Ein Gedicht über das Gedicht von Franz Kießling und über die holde Dichtkunst von Eugenio Montale.
Noch welche? Hab' ich eigentlich nicht. Aber wenn ich so meine kleine Webseite ansehe, finde ich doch ein paar die sich - cum grano salis und unter Nachlaß aller Taxen - möglicherweise mit Dichtung, Gedichten und Dichtern beschäftigen. Halt so ein kleiner, alphabetischer Ausflug durch das weite Land der Seele:
I never saw a Moor -
I never saw the Sea -
Yet know I how the Heather looks
And what a Billow be.
I never spoke with God
Nor visited in Heaven -
Yet certain am I of the spot
As if the Chart were given -
The spot reminds you of something in medieval mysticism? Could well be. But who cares whether Emily was a mystic - she was a great poet and she was right. Have you ever tried to express the wordless with words? And in beautiful and succinct ones at that?
But if you insist that "spot" does not mean dot but place - which would rhyme still less but might better fit your idea of heaven - then why not? To each his own - heaven, that is…
But maybe you should look up what happens when Emily does visit the sea and finds her own heaven?
Emily Dickinson:
Der Punkt
Ich sah noch nie ein Moor -
ich sah noch nie das Meer -
doch weiß ich, wie die Heiden blühn
und Wellen ziehn einher.
Ich sprach noch nie mit Gott,
sah nie die Himmelsstätte -
doch kenn so gut ich diesen Punkt
als ob ich Karten hätte.
Der Punkt (oder "das Pünktchen") klinge nach mittelalterlicher Mystik? Mag sein. Aber wen kümmert es schon, ob Emilia sich mysti-zierte? Sie war eine große Dichterin und sie war in ihrem Reich. Haben Sie schon einmal versucht, das Wortlose in Worten auszudrücken? Und noch dazu in schönen und genauen?
Aber wenn sie meinen, daß "spot" im Englischen auch Ort bedeute und daß sich das auch halbwegs auf "Gott" reime, habe ich nichts dagegen. Emily hat häufig solche "slant rhymes" verwendet. Jedem seinen eigenen Himmel…
Und weil wir gerade von Emilys Himmel reden: Sehen Sie sich doch das Gedicht an, in dem Emily das Meer besucht...
Much Madness is divinest Sense -
To a discerning Eye -
Much Sense - the starkest Madness -
'Tis the Majority
In this, as All, prevail -
Assent - and you are sane -
Demur - you're straightway dangerous
And handled with a Chain -
You think that's way over? Well, good for you!
But why, then, did I choose that poem? And why did I say "good"?
Simple. Self-interest, that's why. See, it's a great poem. Full of insight and breathtaking directness. And you're a great gal/guy! How I know? Because you (a) like poetry and (b) visit my site. My site wouldn't want to lose you. And I certainly wouldn't want you to be "handled with a Chain"! It would be so much easier to get along by going along, wouldn't it? Wouldn't it?
Emily Dickinson:
Göttlichster Sinn
Verrücktheit, höchster Götter Sinn -
Für's Auge, das da späht -
Viel Sinn - die ärgste Tollheit -
S'ist die Majorität
die hier, wie Allem, herrscht:
Stimm' zu - dann liegst Du richtig -
Sträub' dich - dann bist' Gefahr
Und damit kettenpflichtig -
Das ginge zu weit, sagten Sie? Richtig, richtig!
Aber warum ich dann dieses Gedicht auswählte? Und warum ich "richtig" schrieb?
Aus Selbstinteresse. Das Gedicht ist gut, voll der Wahrheit und von atemberaubender Direktheit. Genau wie Sie. Woher ich das weiß? Weil Sie (a) Gedichte mögen und (b) meine Webseite besuchen! Und meine Webseite will Sie nicht verlieren! Und ich will Sie nicht in Ketten seh'n! Es geht doch alles viel besser, wenn Sie vernünftig sind, sich richtig legen, mit dem Strom schwimmen. Mit dem Strom schwimmen Sie doch viel schneller - zumindestens für die, die am Ufer stehn...
Aber es wäre doch gut, meinen Sie, wenigstens eine andere Übersetzung vergleichen zu können? Bitte sehr, hier ist eine!
Ui jeh! Was wäre ich, wenn nicht das scharfe Auge der Mondin meine Schreibfehler entdeckte? Kettenpflichtig! Dank' Dir, Selene, G'schamster Diener, Küß die Hand! Gute Mondin, geh' nie stille durch gesträubte Verse hin!
The Life we have is very great.
The Life that we shall see
Surpasses it, we know, because
It is Infinity.
But when all Space has been beheld
And all Dominion shown
The smallest Human Heart's extent
Reduces it - to none.
Ah, that goes for your heart chakra, eh? Well, it's a New Age...
Emily Dickinson:
Das Leben des Herzens
Dies unser Leben ist sehr groß!
Doch Leben, schon bereit,
wird größer noch, das wissen wir,
denn es ist Ewigkeit.
Doch ist der Raum einst voll erfaßt,
gewogen Reichs Gewicht,
macht kleinsten Menschenherzens Maß
sie allesamt - zunicht.
Aber nein, verdammen Sie doch nicht das Gedicht auf Grund der schlechten Übersetzung!
Was? Hörte ich Sie "Jesus" stoßseufzen ["Jessas", oder "Jessasmaria" falls österreichisch)? Naja, eben!
Ach so, Sie meinten die Herz-Jesu Kirche nebenan. Na, wie man's nimmt...
God made no act without a cause
Nor heart without an aim,
Our inference is premature
Our premises to blame.
Emily would not have liked my translation. And she would have said so, in no uncertain terms. Whatever she hated or loved she made very clear. WHOMever, not. But, verily, verily, I tell you, she truly loved those dashes!
(Unfortunately, her dashing loves - and lots of her dashes as well - were edited out after her death.)
And why wouldn't she have liked the translation? The text is halfway correct, true, but the magnificent precision and elegance of the original has been lost. And the punctuation is, verily, verily, Theo-logical!
Emily Dickinson:
Annahmen
Gott schuf noch niemals ohne Grund:
Kein Herz, das ohne Ziel!
WIR folgerten - und viel zu früh -
WIR nahmen an - zu viel...
Emily hätte meine Übersetzung nicht gefallen. Und sie hätte es mir auch gesagt. Was sie auch immer haßte oder liebte, sie sagte es frei heraus (d.h., freier als sie sich wirklich erlauben durfte). WEN auch immer, nicht. Doch (wahrlich, wahrlich, ich sage Euch:) die Gedankenstriche liebte sie wirklich!
(Leider wurden ihre Lieben - zusammen mit vielen ihrer Gedankenstriche - von den Herausgebern nach ihrem Tod herausgestrichen.)
Und warum hätte ihr meine Übersetzung nicht gefallen? Der Text stimmt zwar (so halbwegs wenigstens), aber er hat die Prägnanz und Eleganz des Originals verloren - und die Zeichengebung ist wahrlich - wie in: wahrlich, wahrlich, ich sage Euch - Theo-logisch!
Speech is one symptom of Affection
And Silence one -
The perfectest communication
Is heard of none -
Exists and its indorsement
Is had within -
Behold, said the Apostle,
Yet had not seen!
Not that we'd know. But "The Apostles' Error", as the poem is occasionally titled, has fanned some theological discussions. Let the one with ears, hear (i.e., close them)!
Yes, of course it's a spoof. And, no, you may not ask questions. Just go and do likewise!
Note for the record: None of the poems on this page carries a title in the original manuscript. And I am heavily indebted to Matt's Poetry Corner for some poems in this collection!
Emily Dickinson:
Der Apostolische Irrtum
Ein Zeichen von Neigung ist Sprache,
auch Schweigen ist eins:
Die vollendetste Geistesverbindung,
die hört auf keins -
Ihr Sein und Ihre Erfüllung
sind Innengeschehn:
Seht her! sprach der Apostel,
der nie gesehn!
Nicht daß wir wirklich wüßten. Aber "Des Apostels Irrtum" (wie das Gedicht manchmal betitelt wird) hat schon einige theologische Streitereien entfacht. Und, ja, das wäre die korrekte Übersetzung des später eingefügten englischen Titels. Nachdem das Original keinen Titel hat - wie alle anderen Gedichte auf diesen Seiten übrigens auch - habe ich mir erlaubt, den "Titel" an die authentische Kirchengeschichte (des 3. Jahrhunderts oder so) etwas anzupassen. Wer Ohren hat, der höre (d.h., in diesem Falle, der verschließe sie)!
Ja, natürlich ist's ein Scherz. Und, nein, Fragen sind nicht erlaubt! Deshalb: Gehe hin und tue desgleichen!
The Brain - is wider than the Sky -
For - put them side by side -
The one the other will contain
With ease - and You - beside -
The Brain is deeper than the sea -
For - hold them - Blue to Blue -
The one the other will absorb -
As Sponges - Buckets do -
The Brain is just the weight of God -
For - Heft them - Pound for Pound -
And they will differ - if they do -
As Syllable from Sound -
The message? Ah, well... I am not Fearless Emily, you know. So let's talk about some technicalities instead:
Here - as whenever I reasonably can - I am using the text of the manuscript (meaning the handwriting of Emily Dickinson). Which usually means lots of capital letters and long dashes (and much better poetry - but I don't think I am allowed to say that).
Yes, I agree, this is confusing. So I won't bother you with my various explanations for Emily's punctuation. Except for one: It makes you read slower - hence better; different - hence more authentic; and even, I hope, aloud - hence more lyrical.
I wonder what Emily would have thought of seeing her poem in Viennese dialect. Well, I know: She would have loved it! And exhorted her beloved countrymen to get some similar thing going in the language of God's own country.
Why? Because dialect allows a more direct, more genuine expression. No beating about the bush - especially when the big shots can't read what you are writing - and particularly when you are impersonating the Vox Dei.
And, mind you, didn't Emily subconsciously invite translation into German by using all these capitalized nouns? And didn't she put the verb at the end of the sentence - as Germans - Austrians do - ?
* So I shall demonstrate - never mind that my voice is unsuited to Revelation - and do it thrice: In (immigrant) English, in High German (well, sort of), and in Viennese Dialect (guaranteed authentic)! And watch Her long dashes as we are all taking to the same Path!
SANTA EMILIA, ORA PRO NOBIS!
Emily Dickinson:
Gottes Gehirn *
Das Hirn - ist weiter als das Zelt
des Himmel - weil - schau her! -
Eines das Andere enthält -
samt Dir - und noch viel mehr -
Das Hirn ist tiefer als das Meer -
weil - Grau an Blau - trinkt nun
das Eine ganz das And're leer -
wie's Schwämme - Kübel tun -
Das Hirn wiegt gradsoviel wie Gott -
weil - heb sie! - tagelang -
der Unterschied - wenn überhaupt -
ist Silbe nur von Sang -
Die Botschaft? Jo, mei… Ich bin doch nicht Emilia, die Furchtlose. Reden wir lieber über Technisches:
Hier - und auch sonst wann immer möglich - habe ich den Text des Manuskripts (d.h. der Handschrift von Emily Dickinson) verwendet. Und das bedeutet eine Menge großgeschriebener Worte und noch mehr Gedankenstriche (und weitaus bessere Gedichte - aber das darf ich eigentlich nicht sagen).
Und drum werde ich tun, was ich immer tue, wenn's kritisch wird, nämlich auf den Dialekt zurückgreifen.
Oisdan: Jedsdn kummt da Emmili ia Hian auf Weanarisch:
Dehs Hian - mea ois da Himme ihs -
weu - schdösdas beide zaum -
frihsd s'Hian den Himme zaum wia nigs -
und Du - kummst ah no draun -
Dehs Hian is tiafa wia des Mea -
dehs Wossa iss faluan -
weu - s'Hian, dehs sauft dehs ollas lea -
wias d'Schwomma - d'Kihwen tuan -
Dehs Hian hohds söwe Gwicht wia Ea
do drobn - weu - geh und miß:
da Untaschiad - ihss eh ned schwea -
wia Gsaung von Singan ihs -
Ja, stimmt schon, all das kann Verwirrung anrichten.
Und drum werde ich, ungeachtet meiner ungeeigneten Stimme, den Text mikrophonieren.
* Gleich dreimal: Auf Englisch (na, gibt's wos Bessas?), auf Hochdeutsch (wos hoit a Weana so unta Hochdeitsch faschdeht) und im Wiener Dialekt (aus de entan Grind).
Dann wird sich nämlich herausstellen - hoffe ich wenigstens! - daß das, was man zu ihrer Zeit als Emilys alte-Jungfern-Verschrobenheit angesehen hatte, dieser Zeit weit, weit voraus war. Und daß, besonders wenn gesprochen (oder langsam im Hirn skandiert), Großschreibung und Gedankenstriche ("long dashes") dem Gedichte viel besser bekommen als alle akademische Schreibe.