Translations / Übersetzungen
by / von Walter A. Aue




Thomas Hardy:

The Last Chrysanthemum

Why should this flower delay so long
To show its tremulous plumes?
Now is the time of plaintive robin-song,
When flowers are in their tombs.

Through the slow summer, when the sun
Called to each frond and whorl
That all he could for flowers was being done,
Why did it not uncurl?

It must have felt that fervid call
Although it took no heed,
Waking but now, when leaves like corpses fall,
And saps all retrocede.

Too late its beauty, lonely thing,
The season's shine is spent,
Nothing remains for it but shivering
In tempests turbulent.

Had it a reason for delay,
Dreaming in witlessness
That for a bloom so delicately gay
Winter would stay its stress?

- I talk as if the thing were born
With sense to work its mind;
Yet it is but one mask of many worn
By the Great Face behind.




Thomas Hardy:

Die letzte Chrysantheme

Was wartet diese Blum' so lang
auf ihr zitterndes Federnbouquet?
Denn jetzt ist die Zeit für klagenden Rotkehlchensang
und die Blumen sagten Ade!

Im langen Sommer, da rief doch die Sonn:
Macht auf, was gedreht und gerollt -
denn alles, was gut für Euch Blumen, hab' ich getan!
Warum hat sie da nicht gewollt?

Sie hatte gefühlt den feurigen Schrei,
doch gab sie nicht auf ihn acht -
Erwachend erst jetzt, da die Zeit der Blätter vorbei
und der Saft zog zurück in die Nacht.

Zu spät kam die einsame Schönheit daher -
des Sommers Zeit ist herum:
Und nichts bleibt über für sie als ein Frösteln mehr
im eiskalten Wirbelsturm.

Doch hatte sie guten Grund zum Verzug?
Träumte naiv sie, vielleicht,
daß die zarten Blüten, die alle so fröhlich sie trug,
des Winters Herz erweicht?

- Ich schreib, als wär die Blume wie
ein Hirn, das Verstand benützt,
doch ist's eine Maske nur, eine von vielen, die
das Große Gesicht besitzt .



Ein schönes und sehr bekanntes Gedicht. Was den meisten Lesern allerdings nicht dabei auffällt - und nicht auffallen sollte - ist, daß es versmäßig einen tour de force darstellt. Die Zahl der betonten Silben in jeder Strophe ist 4-3-5-3. Das ist macho Prosodie in Reinkultur - wenn auch von einem, der's kann. Aber übersetzerfreundlich ist es nicht. Und ich muß gestehen, das Gedicht zuerst nach dem viel geläufigeren Schema 4-3-4-3 übersetzt zu haben, denn das hatte sich in meinem Hirn festgeleiert. Für mich, einen Amateur und Banausen, klang das besser. Aber dann habe ich mich der Sklavenstellung des Übersetzers erinnert und seiner Pflicht an die Nachwelt…

Nur, bitte, nicht schimpfen auf mich, wenn die dritte Zeile jeder Strophe stolpert: Sie stolpert - wenn auch viel eleganter - selbst im Original. So stolpert nun einmal die Chrysantheme, wenn sie die Blätter verliert…

Ach, Sie glauben mir nicht, daß der 4-3-4-3 Leierkasten ohrwürmiger wäre? Na, hören Sie sich's vielleicht einmal an:



Thomas Hardy:

Die letzte Chrysantheme

Was wartet diese Blume lang
auf ihr zitterndes Federnbouquet!
S'ist schon Zeit für trauernden Rotkehlchensang
und die Blumen sagten Ade!

Im langen Sommer, da rief die Sonn:
Macht auf, was gedreht und gerollt -
denn alles, was gut für Euch, hab' ich getan!
Warum hat sie da nicht gewollt?

Sie hatte gefühlt den feurigen Schrei,
doch gab sie nicht auf ihn acht -
Erwachte erst jetzt, da die Blätter vorbei
und der Saft zog zurück in die Nacht.

Zu spät kam die einsame Schönheit daher -
des Sommers Zeit ist herum:
Und nichts bleibt für sie als ein Frösteln mehr
im eiskalten Wirbelsturm.

Doch hatte sie guten Grund zum Verzug?
Träumte naiv sie, vielleicht,
daß die zarten Blüten, die fröhlich sie trug,
des Winters Herz erweicht?

- Ich schreib, als wär die Blume wie
ein Hirn, das Sinn besitzt,
doch s'ist eine Maske von vielen nur, die
das Große Gesicht benützt .


...



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Posted: January 2005

N.B.: The frame around the poems
shows a chrysanthemum
(but not the fancy one Hardy describes).
Want to see the original photograph?