Sie sagen, Sie hätten das vor längerer Zeit schon einmal gehört:
"Treulich bringt ein jedes Jahr
Welkes Laub und welkes Hoffen"?
Und daß das von Lenau sei, wußten Sie auch?
Naja, ich kenn die Zeilen auch von meiner Jugend. Aber woher wußte nicht. Deswegen (und des Herbstes wegen) hab ich das Gedicht ja auch hier hereingestellt. Außerdem mag ich Lenau.
Aber geben Sie Ihr Wissen nur nicht zu, verehrte gnädige Frau, sonst hält man Sie - Sie, die jung geblieben sind, wie Ihr Wissen beweist! - noch für alt. Oder, noch schlimmer, für altmodisch.
Trotzdem: 'Ich mag den alten Spruch sehr gern und hüte mich, mit ihm zu brechen.'(Sorry, J.W.v.G.!) Früher hatten die Älteren ja für alles einen Spruch bei der Hand. Mir wurde das erst klar im Alter. Besonders nachdem ich, allem guten Rate (à la "Schuster, bleib bei deinem Leisten!") zuwider, in der Pension Gedichte zu übersetzen begann.
Naja, meinen Sie: Das sind halt Sprichwörter, überlieferte Volksweisheit. Genau. Weisheit. Und meistens anonym.
Aber manches stammt auch aus Liedertexten (z.B. Das Glück is a Vogerl), aus Gedichten (wie z.B. diesem), aus dem Werk von Wilhelm Busch (z.B. "Ist der Ruf einmal ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert" oder "Es ist bekannt von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör"), aus Goethes Faust (z.B."Ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied"), na und manchmal auch aus der Bibel (z.B."An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen").
Aber das Meiste ist langsam und mühsam erarbeitete Volksweisheit, ist mit mehr Leiden als Freuden erkaufte mündliche Überlieferung.
Warum ich das überhaupt erwähne, fragen Sie mich? Das weiß doch jederman!
Schon. Nur wie lange wird Jederman das noch wissen? Gilt es doch jetzt als nicht cool, als hick (provinziell), als durch und durch old-fashioned!
Sicher, die deutsche Sprache wird deswegen nicht gleich aussterben (wie es viele Sprachen/Kulturen auf der Welt schon getan haben). Aber vieles wird der deutschen Sprache sterben.
Was ich gegen die neue Weltsprache hätte?
Gar nichts. Ist ja oft notwendig. Stellt oft auch eine Sprachbereicherung dar. Ich als Wiener - als Wiener besonders! - bestehe aus vielen Völkern, vielen Sprachen. Und freue mich, Völker und Sprachen durch Übersetzen einander wieder näher bringen zu können (wenn's auch für mich persönlich nur auf Deutsch, Englisch und Wienerisch geht: Pardon; sorry; tuat ma laad, nix fia unguat)!
Nur: Willen- und kritiklos Fremdes zu übernehmen - statt zumindestens zu versuchen, es zu Eigenem zu machen - und das Eigene dabei gleich und mit ostentativem Mißfallen auf den Misthaufen der Geschichte zu werfen, das scheint mir doch etwas übertrieben zu sein.
Und unklug. Zuviel geht da verloren. Zuviel, von dem wir lernen könnten. Lernen uns selbst zu verstehen.
Und undankbar. Zuviel war einst zu teuer erarbeitet worden, um jetzt - mir nichts, dir nichts - gegen kitschige Globalklischees (semantic junk bonds) eingetauscht zu werden.
Ich solle von meiner Soap Box heruntersteigen? Tue ich ja schon. Nur schnell noch ein paar Zeilen über Gedicht und Dichter angehängt, o.k.?
"Holder Lenz, du bist dahin" wurde mehrfach vertont. Sie kennen es vielleicht unter dem Titel "Herbstklage". Und wie bei Emily Ezust nachzulesen, "durch den Strauch" wurde bei Schoeck zu "durch die Straßen". Und "welkes Laub und welkes Hoffen" wurde bei Felix ('dem glücklichen') Mendelssohn zu "neues Laub und neues Hoffen". Weltschmerz, chacun à son goût...