FORMBLOG:
Sie fragen mich, warum ich dieses Sonett übersetzte? Aus altem Englisch noch dazu?
Ja, einerseits weil es so alt(modisch) ist und mich doch - oder sollte das heißen deswegen? - berührt. Und andrerseits, weil es eine Herausforderung darstellt.
Die Form dieses Sonettes ist klassisch, d.h. "italienisch" ("Petrarchan", wie die Angelsachsen sagen). Das heißt zweimal je vier Worte finden, die sich reimen (abba sinngerecht abba!) und meist eine Gedankenzäsur nach diesen zwei Vierzeilern. Genau wie links oben vor- und rechts oben nachgemacht. Vergleichen Sie das einmal mit der "englischen" ("Elizabethan", "Shakespearean") Version des Sonetts, in dem drei Vierzeiler mit einem (oft zusammenfassenden, erklärenden) Reimpaar abschließen.
Im modernen Englisch werden diese Formen oft aufgelockert. Aber manchmal auch nicht. Wie in Edna St. Vincent Millays 43. Sonett, "What Lips my Lips have Kissed" ("italienisch") und ihrem "I shall Forget you Presently, my Dear" ("englisch"): Stilgemäße, alte Kleider auf nicht so stilgemäßen, nicht so alten Körpern. Das macht (unter anderem) ihren Reiz aus.
Worauf ich hinaus will? Dasz man im italienischen Sonett zweimal vier gleichklingende Worte (plus drei Reimpaare) finden muß, im englischen Sonnet aber tun es sieben einfache Reimpaare auch. Wenn man die Fähigkeit der Italiener, sich auf alles einen Reim machen zu können, mit der der Engländer vergleicht, weiß man auch, warum.
Übrigens: Die Deutschen zieht es in dieser Hinsicht - und nicht nur in dieser! - in den Süden, nicht in den Norden. Darum werden Sie sich bei diesem Gedicht auch gedacht haben, abba was redet der da so lange herum, schaut doch sowieso ganz normal aus...
Schon. Aber dieses Gedicht (sehr berühmt, mit seiner noch berühmteren letzter Zeile, "They also serve who only stand and wait") wird meistens anders "strophiert" als hier. Und im Deutschen gibt es ja auch Ausnahmen vom abba, abba...
BIBELBLOG:
Worüber sorgte sich John Milton? Daß er erblindete - und das in den besten Jahren seines Lebens. Er lehnte sich aber nicht gegen sein Schicksal auf (so wie etwa Ludwig van Beethoven, der in den besten Jahren seines Lebens ertaubte, oder wie andere Genies, denen die Götter das eine, große Talent, das sie ihnen gegeben hatten, schwerer auszuüben machten als anderen: Hat jemand schon die Wahrscheinlichkeit einer solchen Korrelation untersucht?) Das hätte sich auch für einen so frommen Mann wie Milton nicht geschickt. Nein, worüber er sich hier sorgt, ist die Parabel von den Talenten.
Ach so. Na, ich will sie nicht fortschicken. Obwohl sie das alles bei Gateway finden, in vielen Sprachen und vielen Versionen. Hier können Sie die Parabel bei mir lesen, in der King James Version und in der Lutherbibel Fassung von 1545 - und all das mit einem schöneren Hintergrund...
Bei Luther stehe nichts von Talenten? Sondern von Zentnern? Keine Sorge, das ist schon in Ordnung. Im Griechischen/Lateinischen heißt sowas talanton/talentum, eine Gewicht und/oder Geldeinheit. Im Mittelalter - und durch ebendiese Parabel von den Talenten! - wurde der Begriff auf Fähigkeiten - eben auf, naja, "Talente" ausgeweitet.
Miltons Talent war das des Dichters. Aber ohne seine Augen? Was würde Gott einst sagen, wie gut er das ihm Gegebene verwaltet und vermehrt hatte? Milton tröstet sich: " ...selbst wer nur steht und wartet, dienet auch!" Und wie dieses Gedicht und viele andere beweisen, ließ er es nicht beim Warten bewenden..
Übrigens: die Stelle "... denn jedem, der da hat, wird gegeben werden, und er wird Überfluß haben; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, weggenommen werden" hat viel Konsternation verursacht. Von Finsternis, Weinen und Zähneknirschen ganz zu schweigen. Es klingt so unfair, nicht wahr...
Aber Christus spricht vielleicht bloß von einem Naturgesetz. Glaube ich wenigstens. Große Kristalle wachsen auf Kosten kleinerer Kristalle. Schwere Galaxien werden schwerer, indem sie leichtere Galaxien (und natürlich auch andere Himmelkörper) anziehen und vereinnehmen. Große Industrien/Investoren schlucken kleine. Und je erfahrener der Raubvogel, umso erfolgreicher. Je mehr Aktivität, umso aktiver. Positive feedback, würde ein Wissenschaftler dazu sagen...
Wie im menschlichen Gehirn. Befahrene Pfade werden weiter, unbefahrene enger. Oft gedachte Gedanken werden als wahr, selten gedachte als unwahr empfunden. Und ist Bekanntes nicht viel schöner als Unbekanntes?
Ist das der Grund, warum ich die alten Bibelversionen hier verwende?
Nicht wirklich. Die alten sind doch wirklich viel schöner, oder? Die alten sind saftige Literatur, die neuen trockene Gebrauchsanweisungen. Und ich habe mir zum Beispiel vorgestellt, daß der Vers "So solltest du nun mein Geld den Wechslern gegeben haben, und wenn ich kam, hätte ich das Meine mit Zinsen erhalten" sich vielleicht inzwischen zu "Du hättest Mein Geld zumindestens in Mutual Funds anlegen sollen, da hätte Ich wenigstens von der Stock Market Bubble profitieren können bevor sie platzte..." gewandelt hätte. Weil's ja so viel moderner klingt...
Nur dieses noch:" Matthäus 25: 14-30 ist bei weitem nicht die einzige Bibelstelle, die in Miltons Gedicht angesprochen wird. Bloß die wichtigste. Und wenn Sie die anderen nachschlagen wollen...
Ich soll das tun? Ja, wollen Sie denn den Bock zum Gärtner machen? Oder den Blinden die Einäugigen führen lassen? Außerdem: Ich bin schon so lange in Pension...
LINKBLOG - MUCH LATER
Aber ich schlage Ihnen etwas vor: Da gibt es den Herrn Lüders in München, der Englisch unterrichtet und einen der besten und bekanntesten
Lehrerblogs schreibt - ganz abgesehen davon, daß er sich liebenswürdigerweise die Zeit genommen hat, mich auf einige Schwachstellen dieser Webseite aufmerksam zu machen. Schauen Sie doch einmal bei ihm vorbei mit Ihren Fragen über Milton und richten Sie ihm bei dieser Gelegenheit meinen besten Dank aus!