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Christopher Marlowe:
The Passionate Shepherd
to His Love
Come live with me and be my love,
And we will all the pleasures prove,
That hills and valleys, dale and field,
And all the craggy mountains yield.
There we will sit upon the rocks
And see the shepherds feed their flocks
By shallow rivers, to whose falls
Melodious birds sing madrigals.
And I will make thee beds of roses,
And thousand fragrant posies,
A cap of flowers and a kirtle
Embroidered all with leaves of myrtle;
A gown made of the finest wool,
Which from our pretty lambs we pull;
Fair-linèd slippers for the cold,
With buckles of the purest gold;
A belt of straw and ivy buds,
With coral clasps and amber studs;
And if these pleasures may thee move,
Come live with me and be my love.
The shepherd swains shall dance and sing
For thy delight each May-morning;
If these delights thy mind may move,
Then live with me and be my love.
Why don't you as well listen to a short biography of Christopher Marlowe and an excellent recitation of his Passionate Shepherd.
Christopher Marlowe, 1564-1593
This is a webpage of homages: The visual comments on the left side to Gustav Klimt (1862-1918), the verbal on the right to Charles Darwin (1809-1882). On what grounds?
Just walk those grounds betwixt Klimtian and Darwinian soulscapes and you'll know. Actually, the two have more in common than you might think. And, please, do understand that I am simply speaking in different tongues, that I am merely making use of different mental perception and resonance systems here.
For this website, don't call me a lecher, call me a Klimtian; don't call me a cynic, call me a Darwinian. Because here, for once, I am using non-poetic approaches to the topic: I want to flesh out the background; I want to include the selfish genes that generate this body, this mind, this poetry. Not to mention this website. All tongue in cheek, of course, as befits the human.
And, yes, I do know that there is no human biology or, for that matter, no sociobiology in Darwin's writing. He wouldn't have dared to, in his time and with his wife. (Just like Samuel Langhorne Clemens.) But 2009 is the 200th anniversary of Darwin being born and the 150th anniversary of "On the Origin of Species" being published; and 2010 is the 100th annniversary of Mark Twain having died — so some tolerance would, perhaps, not be amiss...
Mark Twain, 1835-1910
Gustav Klimt, 1862–1918
Note: My small, low-resolution images obviously cannot do justice to Klimt's luscious canvases. And I had to castrate them in order to squeeze what's big into what's small. But I hope that even in their cropped state they retain some of their extraordinary attraction. After all, everything's fair in online love.
For the complete paintings, you might want to visit
Mark Harden's Artchive
or the
WebMuseum
. There also some interesting videos on YouTube, e.g. one combining his pictures with music of Mahler.
Gustav Klimt: The Kiss (Detail)
[Still in the Belvedere in Vienna, Austria]
Gustav Klimt: The Kiss (Close-up)
Gustav Klimt: Danae
[with Jupiter (Zeus) in the form of purest
gold]
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Christopher Marlowe:
Der feurige Schäfer zu seiner Liebsten
Komm, leb' mit mir und werde mein
und alle Freud' wird unser sein,
die Täler, Hügel, Wald und Feld
und steiler Berg bereit uns hält.
Am Felsen sitzend schauen wir
der Schäfer Herden, weidend hier
am sanftem Fluß, zu dessen Fall
Singvögel zirpen Madrigal.
Und ich mach' Dir ein Bett von Rosen
mit duftenden Bouquets zum Kosen,
die Blumenhaub', der Rock zum Gürten
bedeckt mit Stickerei von Myrthen;
Gewand aus feinster Woll' gemacht,
von hübschen Lämmern dargebracht;
verbrämte Schühlein, warm und hold,
mit Spangen aus dem reinsten Gold;
ein Gurt von Stroh und Efeuzweig,
an Bernstein und Korallen reich:
Wenn diese Gaben Dich erfreu'n,
dann leb' mit mir und werde mein!
Der Schäfer Tanz vertreibt Dir Sorgen
und freut im Mai Dich jeden Morgen:
Soll solche Freud' Dein eigen sein,
dann leb' mit mir und werde mein!
Dies ist eine Webseite der Hommagen: die linke für den Maler Gustav Klimt (1862-1918), die rechte für den Biologen Charles Darwin (1809-1882). Aus welchen Gründen? "Vielleicht aus ziemlich hintergründ'gen", wie Eugen Roth vermutet? Oder nur, weil sich das so schön auf "sünd'gen" reimt?
Kunst und Wissenschaft sind nur Sprachen mit besonderem Vokabular. "Sprachen" im weiteren Sinn natürlich: Ausdruckssysteme, Resonanzbereiche, Seh- und Denkweisen. Im Klimt'schen Bereich kann ich dessen Bilder selbst sprechen lassen; im Darwin'schen Bereich muß ich mich jener Logik bedienen, die oft des großen Engländers Namen trägt - nur ist bei mir halt ein bißchen mehr Bissigkeit dabei. Spaß muß sein, sprach Wallenstein, et., etc.
Und, ja, ich weiß schon, daß Darwin keine Human- und Sozialbiologie, will sagen die Anwendung der von ihm gefundenen Schrecklichkeiten auf Homo sapiens [sapiens, daß ich nicht lache!] geschrieben hat. Hätte er sich auch gar nicht getraut. Er traute sich ohnehin schon viel mehr, als es seine Zeit und seine Frau erlaubten. Ein wissenschaftlicher Mark Twain halt...
Und wenn Sie glauben, daß diese Webseite ein bißchen kontroversiell ist - schließlich lieben wir unsere Vorstellungen von der Liebe und würden sie nie (aus Furcht vor der Antwort?!?) hinterfragen — ja, dann sehen Sie sich einmal auf YouYube an, was ich "Dawkins on God and Darwin" nenne (mit dem offiziellen Namen, The Genius of Charles Darwin).
Charles Darwin (1809-1882)
Also bitteschön, verehrter hochmoralischer Leser, bitteschön, charmante hochromantische Leserin, machen Sie mich doch nicht für die Taten anderer verantworlich! Ich bin doch nur der Lehrling, der Ihnen Speisen serviert, die andere zubereitet haben. Die Speisen aus Mutter Naturs Genküche. Und Mutter Natur kann sich wiederum - gerechtfertigterweise, muß ich hinzufügen - auf den großen Schöpfer und seinen heißen Brei ausreden ...
Und so betrachtet haben Klimt und Darwin vielleicht viel mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Also bitte anmerken: Ich bin kein Lustmolch, sondern ein Klimt-ianer; kein Zyniker, sondern ein Darwin-ianer. Und vielleicht spiele ich solche Rollen auch nur für diese Webseite, chi lo sa? Weil
"...glaub'n Sie mir, in Kanada
sind nur mehr Ind-ianer da..."
(um Georg Kreisler zu zitieren)
Und Wiener Indianer gibt es hier in Kanada auch nicht. Sie wollen wissen, was ein "Wiener Indianer" ist? Sie, locken Sie mich nicht vom Hundertsten ins Tausendste! Der Wiener "Indianer" ist eigentlich zur Ehre eines Inders und nicht eines Indianers geschaffen worden und ist ein zuckerbäckerisches Hocherlebnis: Ein Krapfen mit Schlagobers und Schokoladeglasur, ein Genuß wohl mit dem der Adressatin - pardon, wohl mit dem des Lesens - dieses Gedichtes zu vergleichen...
Wie kurzer Googler schnell beweist, findet sich dieses berühmte Gedicht Marlowes auf vielen "romantic" websites wieder. Ich nehme an, daß diese es als langbewährtes Copularfacient anbieten. Offensichtlich enthält es Elemente, die der Downloader instinktiv als dem menschlichen Paarungsverlangen dienlich erfühlt.
Und nicht nur dem menschlichen. Vogelmännchen auf der Balz bringen dem begehrten Weibchen oft einen guten Bissen zum Essen oder einen schönen Zweig zum Nestbau. Ihre Köder sind ehrlich: Sie existieren wirklich.
Das menschliche Männchen hingegen schummelt: Woher sollte ein einfacher Schäfer schon Bernstein und Korallen hernehmen, von "Spangen aus dem reinsten Gold" ganz zu schweigen? Lügen und Juwelen gehörten eben schon immer zum Liebesspiel.
Nun, Marlowe hat es weder an Intelligenz noch an Erfahrung gemangelt. Obwohl er sehr kurz - wiewohl sehr intensiv! - gelebt hat. Das läßt vermuten , daß er hier der von seiner Zeit aus dem sonnigen Süden importierten und von ihr hochgeschätzten Pastoraldichtung ein paar ironische Akzente aufsetzen wollte. Was der erwarteten Wirkung natürlich keinerlei Abbruch tat. Im Gegenteil. Der Mensch hört, was er hören will. Oder sagen wir, was sein Unbewußtes hören will...
Was mich daran erinnert: Hören Sie sich doch (nach einer kurzen, biographischen Einführung) eine ausgezeichnete Rezitation von Marlowes berühmtem Gedicht an. Und auf YouTube (und anderswo auch) gibt's natürlich noch mehr
davon...
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Sir Walter Raleigh:
The Nymph's Reply
to the Shepherd
If all the world and love were young,
And truth in every shepherd's tongue,
These pretty pleasures might me move
To live with thee and be thy Love.
But Time drives flocks from field to fold;
When rivers rage and rocks grow cold;
And Philomel becometh dumb;
The rest complains of cares to come.
The flowers do fade, and wanton fields
To wayward Winter reckoning yields:
A honey tongue, a heart of gall,
Is fancy's spring, but sorrow's fall.
Thy gowns, thy shoes, thy beds of roses,
Thy cap, thy kirtle, and thy posies,
Soon break, soon wither, soon forgotten -
In folly ripe, in reason rotten.
Thy belt of straw and ivy-buds,
Thy coral clasps and amber studs,
All these in me no means can move
To come to thee and be thy Love.
But could youth last, and love still breed,
Had joys no date, nor age no need,
Then these delights my mind might move
to live with thee and be thy Love.
Sir Walter Ralegh, 1552-1618
The conjunction of love with age - or age with love - has been treated by various artists. The outstanding example in magic realism may be
Tom Lehrer's "When you are old and gray". Not to mention the Beatles' "When you are sixty-four". Just for comparison, here is W.B. Yeats' apologetic poem that, I believe, started it all...
Gustav Klimt: The Three Ages of Life
Gustav Klimt: Death and Life
Gustav Klimt:
Hope
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Sir Walter Raleigh:
Der Nymphe Antwort
an den Schäfer
Wär' all die Welt und Liebe jung
und Wahrheit auf des Schäfers Zung',
dann würde solche Freud' allein
mich überreden, Dein zu sein.
Doch Herbst treibt Schafe in den Kral,
wenn
Ströme toben , Stein friert kahl,
und Philomel(1) verliert die Sprach';
der Rest beklagt der Zukunft Schmach.
Denn Blume welkt, wenn geil das Feld
dem Winter in die Arme fällt:
Des Honigs Zung', des Herzens Gall'
sind Frühlings Lust, doch Herbstes Fall.
Dein Kleid und Schuh, Dein Bett von Rosen
und Haube, Gürtel, Blumen, Kosen
sind bald vergessen und gestorben:
im Taumel reif, im Sinn verdorben.
Des Gürtels Stroh, des Efeus Zweig,
an Bernstein und Korallen reich,
all das weckt keine Lüste mein
zu Dir zu gehn und Dein zu sein.
Doch wären ewig Jugend, Lieb'
wär' Freud' nicht kurz, noch Alter trüb,
dann würden solche Wonnen mein
mich überreden, Dein zu sein.
(1) Philomel ist ein poetischer Name für die Nachtigall. Im alt-griechischen Mythos wird Philomel(a) von ihrem Schwager geschändet und ihrer Zunge beraubt, um es ihr unmöglich zu machen, ihrer Schwester von der Vergewaltigung zu berichten. Wenn die Schwester doch davon erfährt, gibt es eine gruselig griechische Rache mit anschließender kannibalistischer Kulinarik — und die Götter, die sich bei solchen Vorgängen immer ein wenig schuldig fühlen, verwandeln sie in eine Nachtigall und ihre Schwester in eine Schwalbe (oder umgekehrt), um der Rache des Schwagers/Gatten zu entgehen.
Raleighs Nymphe hat Sir Walter und die Wahrheit, aber nicht Darwin&Dawkins auf ihrer Seite. Die Lüge gehört nun einmal genetisch zum menschlichen Liebesspiel. Und sollte, der letzten Strophe folgend, der entflammte Schäfer "ewige" Treue vom Himmel herunterlügen - und damit der Nymphe einen Gegenwartsvorwand (wie auch einen Zukunftsvorwurf) liefern - steht der ersehnten Kopulation ja nichts mehr im Wege.
Die Nymphe weiß natürlich um die Lüge. Aber sie ist schließlich eine Nymphe, d.h. anthropogen und anthropomorph. Wissen ist nicht gleich Verhalten. Das ist nicht der Nymphe Schuld, sondern die Schuld dessen, der sie als Nymphe geschaffen hat. Genauer, der sie mit selbstsüchtigen und fortpflanzungsbesessenen Genen geschaffen hat.
Oder, wie David Hume das genauer, allgemeiner und bekannter ausgedrückt hat, "Reason is the slave of passion". Also, bitte, ripetite con me: Reason is the Slave of Passion! Und die Liebeslüge ist halt der pseudorationale Vorhang, hinter dem die Nymphe die ihr von oben aufgezwungene Passion auch auslebt...
Ich soll mich nicht so geil geben?
Und was heiße denn "Ripetite..."? Ah, gut daß Sie fragen. Sie wissen ja, ich kann kein Italienisch. Aber diese eine Phrase ist doch an mir hängengeblieben, irgendwann einmal in der Wiener Staatsoper, ganz oben auf den Stehplätzen und, da ich nicht alleine dort war, auch nur von wegen Männchenchauvinismus Da klärt nämlich der triumphierende - aber weise verstehende - Don Alfonso seine zwei verzweifelten Schüler der 'Scuola degli Amanti' auf: "Ripetite con me: Così fan tutte!"
[Was heißen soll: "Wiederholt mit mir: So tun sie's alle!" — Worte: Lorenzo da Ponte, Musik: Wolfgang Amadeus Mozart. Kein Wunder, daß Ludwig van Beethoven diese Oper als "unmoralisch" einstufte. "Amoralisch" wäre aber ihrem Sinne näher gekommen. Und wenn Don Alfonso meine Gedanken zu den vier Gedichten hier zu beurteilen hätte , würde er sicher sagen, "Alles verstehen, heißt alles verzeihen". Und: "Hören Sie sich die Oper einmal an, mit einer guten deutschen Übersetzung von dem, was ich sage: Dann brauchen Sie sich nicht mit diesen vier "Komm, leb mit mir und werde mein" Gedichten herumquälen. Und diese göttliche Musik kriegen sie als Geschenk dazu, damit Sie meine Gedanken auch emotionell verkraften!" Na, hat's jetzt geschnappt? Così fan tutte: Reason is the slave of passion!]
Man kann diese unpädagogische Diskrepanz zwischen Denken und Fühlen, zwischen Raison und Passion, zwischen Gehaben und Genen, natürlich (natürlich "natürlich"!) auch volkstümlicher und damit gröber ausdrücken. Viel gröber. Die Bayern sagen über das psychologische wie auch physiologische und neurologische Schweigen des Denkens in gewissen Situationen (der Verständlichkeit halber mal verkürzt und ins Hochdeutsche übertragen): "Wem der Schwanz steht, steht das Hirn". Bitte vielmals um Verzeihung, gnädige Frau...
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John Donne:
The Bait
Come live with me, and be my love,
And we will some new pleasures prove
Of golden sands, and crystal brooks,
With silken lines, and silver hooks.
There will the river whispering run
Warm'd by thy eyes, more than the sun;
And there the 'inamour'd fish will stay,
Begging themselves they may betray.
When thou wilt swim in that live bath,
Each fish, which every channel hath,
Will amorously to thee swim,
Gladder to catch thee, than thou him.
If thou, to be so seen, beest loath,
By sun or moon, thou darknest both,
And if myself have leave to see,
I need not their light having thee.
Let others freeze with angling reeds,
And cut their legs with shells and weeds,
Or treacherously poor fish beset,
With strangling snare, or windowie net.
Let coarse bold hands from slimy nest
The bedded fish in banks out-wrest;
Or curious traitors, sleavesilk flies,
Bewitch poor fishes' wand'ring eyes.
For thee, thou need'st no such deceit,
For thou thyself art thine own bait:
That fish, that is not catch'd thereby,
Alas, is wiser far than I.
John Donne, 1572-1631
John Donne
(reportedly as he wanted to see himself after death; with a slight digital modification)
But back to Klimt and Life itself:
Gustav Klimt: Water Snakes I
Gustav Klimt: Water Snakes II
(Detail, turned 90 degrees)
Gustav Klimt: Love
Gustav Klimt: Judith [with the head of Holofernes]
Gustav Klimt: Pallas
Athene
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John Donne:
Der Köder
Komm, leb mit mir und werde mein,
daß neue Freuden unser sei'n
von goldnem Sand, kristall'ner Flut
und Silberhaken, Seidengut.
Es wärmt des Flusses Flüstern schon
Dein Auge mehr wie selbst die Sonn',
und liebestrunk'ne Fische dort
erflehen Selbstbetrug zu Ort.
Wenn in belebtem Bad Du bist,
der Fisch jedweger Strömung ist
verliebt und wird zu Dir hin ziehn,
mehr Dich zu fangen als Du ihn.
Wenn Du, gesehn nicht werden meinst
von Sonn' und Mond, viel heller scheinst;
wenn's sei, daß ich Dich sehen kann,
vergeht ihr Licht, blick' Dich ich an.
Wo and'rer friert mit Angelschnur,
verletzt den Fuß an Muscheln nur;
auch trugvoll arme Fisch' bedrängt,
mit Schling' und offnem Netze fängt;
wo grobe Hand dann schlüpfrig dreist
den Fisch vom Bett des Flusses reißt;
wo Fliegen Muffenseid' zuletzt
der armen Fische Aug' behext.
Für Dich, da braucht's nicht solcher List,
weil Du Dein eig'ner Köder bist:
der Fisch, der sich nicht fängt darin,
ist klüger, ach, als ich es bin.
Donne verlegt die Handlung ins Wasser, doch kühlt dies nicht die überhitzte Phantasie des Klerikers. Oder ist es nur seine Ironie, die hier Wellen schlägt? Der Dichter als armes Fischlein — das, in der Begierde zu fangen, selbst gefangen wird. Die Nymphe ("das Weibchen") als der unwiderstehbare Köder, dem zu entkommen der Fisch ("das Männchen") keine Chance hat.
Die pastorale Landschaft - für Marlowe im Frühling, für Ralegh im Herbst - ist hier in eine schimmernd erregte Wasserwelt verwandelt. Der Akt des Fallens der Unschuld ist zur zuschnappenden Unschuldsfalle geworden: Ein von Männern viel gebrauchter Verdrängungsmechanismus (wie auch ein gesellschaftlich oft vorgebrachter Grund zur Verurteilung "gefallener" Mädchen). Er hat viel zu den mittelalterlichen Hexenverbrennungen beigetragen, ist aber auch heute noch in mancher Gegend zu finden. Da es sich hier primär um einen schuldverschiebenden Mentalprozess handelt, ist solcher im übrigen Tierreich weniger verbreitet.
Ich soll nicht soviel pornographieren, sondern Ihnen im Vertrauen sagen, warum ich diese vier Gedichte auf einer Seite zusammengewebt habe? Naja, wissen Sie, deren erste Zeilen - und anderes mehr - gleichen sich doch sehr, meinen Sie nicht? Und die ersten drei Autoren — Marlowe, Raleigh und Donne — sind so berühmt, daß ihre "Biographien" in Incompetech zu finden sind!
Vom angenehm kitzelnden 'Ziel der Werbung' einmal ganz zu schweigen. Und ich hätte ja auch noch mehr solcher Gedichte hereinbringen können, die sich mit Marlowes erfolgreichem Pastoralgedicht auseinandersetzen (und Ihre Phantasie darüber hinwegsetzen) lassen.
Denn erfolgreich war dieses Gedicht damals am Hof, sonst hätte es nicht so gewaltige Wellen schlagen können. An diesem Hof, in dieser Zeit, versuchten junge, ambitionierte Männer oft, die Geltungsleiter mit Hilfe der holden Dichtkunst zu erklimmen. Ältere und machtvollere übrigens auch: Sir Walter Raleigh ist heute mehr für sein Raubrittern in Amerika bekannt denn für seine Poesie.
Ich hab' mich nur gewundert, warum solch hochproduktive Epochen in der Geschichte eines Volkes oft mit der Hochblüte seiner Poesie (und seiner Kunst im allgemeinen) einhergehen. Um nur ein unlängst gelesenes Beispiel aus einem Buch über die Kreativität - mein Gedächtnis läßt mich in Bezug auf den Autor in Stich, war es Norbert Wiener? - zu nennen: Die Chinesen haben in der Hochblüte ihrer Erfindungskraft (Buchdruck, Schießpulver, Stinkbomben, Poetik, Astronomie, etc.) den Künstlern und Gelehrten einen Platz im gesellschaftlichen Ansehen ganz hoch oben eingeräumt. Grund oder Zufall?
Können Sie sich vorstellen, was einem der heute (noch immer oder jetzt erst recht) millionenschweren Bankbosse von Wall Street passiert wäre, hätte er in seinen Lehrlingsjahren die Gehaltsleiter mit Hilfe von Pastoralgedichten hinaufzuklettern versucht?
Wenn Sie sich noch daran erinnern sollten, was da unlängst an der Wall Street — d.h. an der ganzen Welt, und auch an dem "Volk der Dichter und Denker", das es eigentlich schon aus seiner Geschichte heraus besser hätte wissen sollen — verbrochen worden ist, dann wäre eine obligate Poesievorlesung in der Harvard Business School vielleicht gar nicht so schlecht gewesen, meinen Sie nicht?
Ja, ok, verstanden. Correlation ist nicht causation. Jedermann says so, nobody hält sich daran. Was war denn first, das chicken oder das egg? Und greed war recently noch anerkannt beautiful! Greed half dem Heiligen Free Market ja auch, hohe Berge von hot air zu erklimmen...
Ok, ok, ich hör' ja schon auf. Man soll Sprachen nicht mixen, auch wenn es sich in diesem Falle um "Die allerschönste Lengevitsch" [underline mine] handelt [Kurt M. Stein's Buch des Deutsch/Amerikanischen Radebrechens aus dem Chicago der Fünfzigerjahre, Gedichte mit einbegriffen, ist höchst vergnüglich und außerdem sprachenpsychologisch sehr interessant].
Ist mir halt nur so ein- und aufgefallen bei allen den Klimts (denen, die Sie sich nun in New York ansehen können und denen, bei dem es das Belvedere in Wien auch noch tut)...
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C. Day Lewis:
Come, Live With Me
and Be My Love
Come, live with me and be my love,
And we will all the pleasures prove
Of peace and plenty, bed and board,
That chance employment may afford.
I’ll handle dainties on the docks
And thou shalt read of summer frocks:
At evening by the sour canals
We’ll hope to hear some madrigals.
Care on thy maiden brow shall put
A wreath of wrinkles, and thy foot
Be shod with pain: not silken dress
But toil shall tire thy loveliness.
Hunger shall make thy modest zone
And cheat fond death of all but bone -
If these delights thy mind may move,
Then live with me and be my love.
Cecil Day-Lewis, 1904–1972
Gustav Klimt: Veritas (Truth)
Gustav Klimt: From "Beethovenfries"
(Sezession, Vienna)
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C. Day Lewis:
Komm, leb' mit mir
und werde mein
Komm, leb' mit mir und werde mein
und alle Freud' wird unser sein,
die Tisch und Bett, und Friedenstag
Kurzangestellten bieten mag.
Ich biete Süßes an am Dock
und Du träumst von dem Sommerrock;
des Nachts am stinkenden Kanal
hör'n wir vielleicht ein Madrigal.
Der Kummer, auf die Stirne Dein,
flicht Faltenkränze, und die Pein
schlägt Dir den Fuß. Kein Seidenkleid,
nur Müh' drückt Deine Lieblichkeit.
Den Busen nimmt Dir Hungersnot
und läßt nur Rippen für den Tod:
Soll'n solche Freuden Deine sein,
dann leb' mit mir und werde mein!
Und wieder ändern sich Raum und Zeit. Von unter zu ober den Wassern, von den Ober- zu den Unterschichten der Gesellschaft, vom Land zur Stadt, von der "guten" alten Zeit zur ersten Weltwirtschaftskrise (das Gedicht wurde 1935 und im offensichtlichen Protest gegen die damaligen Lebensumstände geschrieben).
Trotzdem: Der genetische Zwang zur Fortpflanzung bleibt sich gleich. Oder verstärkt sich sogar: Nach Katastrophen pflegen die Menschen einander in die Arme zu fallen. Schreibt zumindestens Axel Munthe in seinem Buch von San Michele. Es ist nicht Reichtum sondern Armut, die die Geburtsraten hinaufschnellen läßt. Aber Reichtumsrezepte stehen halt noch nicht in Mutter Naturs gutem, alten Genenkochbuch...
Ich muß wieder einmal meine werten Leser um Verstehen und Vergeben bitten: Der C. D. Lewis is sehr, sehr frei übersetzt. Seine Sprache ist komprimiert, mit viel phonetisch einsilbigen Worten. In einer Sprache, die an sich schon viel kürzer ist als das langatmige Deutsch.
Nicht nur das: Der von Lewis empfundene Zwang, seine Sprache an die Marlowes anklingen zu lassen (vergleiche rocks/flocks -> docks/frocks, falls/madrigals -> canals/madrigals, etc.) während die Bilder sich verkehren - ein Problem, das, wenngleich in anderer Art, auch Walter Raleigh hatte - machte Lewis's Aufgabe sehr schwierig. Und die des Übersetzers noch schwieriger.
Am schwierigsten aber, wie immer: Daraus sollte am Ende wieder ein Gedicht werden! Darüber zu richten aber, werter Leser, das überlasse Ihnen...
Und wenn ich Ihnen wirklich SOOO auf die Nerven gegangen bin, dann lassen Sie doch bitte Ihren verletzten Gefühlen
hier
freien Lauf!
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