Übersetzung von Bertram Kottmann
(mit Bemerkungen von Walter A. Aue)




Elinor Wylie:

Beauty

SAY not of Beauty she is good,
Or aught but beautiful,
Or sleek to doves’ wings of the wood
Her wild wings of a gull.

Call her not wicked; that word's touch
Consumes her like a curse;
But love her not too much, too much,
For that is even worse.

O, she is neither good nor bad,
But innocent and wild!
Enshrine her and she dies, who had
The hard heart of a child.




Elinor Wylie:

Schönheit

DASS Schönheit gut ist, sage nicht,
nur daß sie schön ist, sag,
noch daß es Möwen je gebricht
an Täubchens Flügelschlag.

Nenn’ sie nicht böse; dieses Wort,
ein Fluch ist’s, der verzehrt;
doch lieb’ sie nicht in einem fort;
zuviel der Lieb’ beschwert.

Sie'st weder gut’ noch schlechter Art,
nur wild und ohne Sünd’!
Vergött're sie: Dann stirbt sie, hart
von Herzen wie ein Kind.



Worte faszinieren mich. Oft weiß ich nicht, was sie (wirklich) bedeuten. Und das ist sehr, sehr menschlich.

Zum Beispiel: Das archaisch-poetische Wort "aught" ("etwas", aber auch "null") erinnert mich an das gleich ausgesprochene "ought" ("soll"). Und auf einmal verändert sich - nur in meinem Hirn, wohlgemerkt! - der Sinn fast zu "Sag von der Schönheit nicht, daß sie gut ist, oder daß sie nur schön sein soll". Würde das unsere Zeit nicht mit viel mehr Beifall begrüßen? Hat Elinor das vielleicht sogar beabsichtigt? Wenn Sie mich fragen...

Aber, so fragen Sie mich, ist der Text nicht eindeutig? Naja, schon. Nur: Ein Gedicht ist nicht das, was die Seite ausgibt, sondern das, was der Leser einnimmt. Von dem ganz zu schweigen was so noch für's Unbewußte mit hineinschmuggelt wird.

Gedichte können eindeutig geschrieben und zwei/mehrdeutig gesprochen, gesungen und gehört werden. Besonders im Englischen. Manchmal sind sie sogar eindeutig zweideutig und mit dem Nobelpreis geehrt. Die Kunst der Lyrik ist es ja, weite Dimensionen hinter engen Worten zu eröffnen.

Ob es da noch mehr Schlüsselworte gibt über die Natur der Schönheit und der Schönen Elinore? Sicher.

Was geschieht, zum Beispiel, wenn man ihre Natur mit sanfter Gewalt - sagen wir mit Gesellschaftsbräuchen (-belohnungen, -bestrafungen) - zu "verbessern" suchte?

"Enshrine" ist hier das kritische (und so kurz nicht übersetzbare) Wort. Ein poetischer Volltreffer. "Enshrine" heißt etwas zu umgeben, etwas einzumauern, jemanden wie in einen Tempel (shrine) zu stellen: Zum Verehren, nicht zum Berühren; schön und unnahbar; geschützt und geehrt - aber auch nicht mehr fähig, den goldenen Käfig wieder zu verlassen.

Die schöne Elinor, die Wilde jenseits von Gut und Böse, ist nicht zum Hausmütterchendasein der domestizierten Taube geboren. Sie braucht die große Freiheit der Möwe. Hat sie die nicht, dann stirbt sie (d.h., stirbt ihre Natur, ihr wahres Selbst). Sagt das Gedicht. Und sagt Elinor.

Elinor hat ihre Worte geliebt. Und auch gelebt, wirklich gelebt.

Und sie hat ihre Freude und ihren Schmerz daran in das Gewand der Schönheit gekleidet und an die Welt weitergegeben. Wer kann das schon von sich sagen?


...



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Posted: December 2006

N.B.: The frame around the poems shows
seaweed and sand on a beach near the commentator's house.

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